Eine weitere Tücke des S

Gerade habe ich den folgenden Satz im Fernsehen gehört: „Verlangt wird nichts weniger als Perfektion.“ Dass es sich um einen Bericht über die letzte Kavalleriestaffel der französischen Gendarmerie handelte, tut zwar grammatisch nichts zur Sache, verleiht der Aussage aber noch ein wenig mehr Brisanz: Warum sollte ausgerechnet am 14. Juli, dem Nationalfeiertag der Grande Nation, kein Wert auf Perfektion gelegt werden?
Genau das ist es nämlich, was mit diesem Satz ausgesagt wird. Verlangt man „nichts weniger als Perfektion“, bedeutet das im Umkehrschluss, dass alles andere mehr verlangt wird als Perfektion, da diese sozusagen an letzter Stelle der Prioritäten steht. Schließlich gibt es offenbar nichts, das weniger verlangt wird.

Gemeint hat der Kommentator jedoch das ganze Gegenteil – verlangt wird nicht weniger als Perfektion. Mit weniger als der perfekten Parade dieser Kavalleriestaffel gibt man sich nämlich nicht zufrieden.
Dieser kleine, aber doch bedeutungstragende Unterschied wird leider in den Medien immer häufiger außer Acht gelassen, und ich muss gestehen, dass ich mich schon aufrichtig freue, wenn das in diesem Fall unsägliche „s“ einmal nicht zu hören ist. Es bricht sich nämlich immer stärker Bahn, und manchmal könnte man das Gefühl bekommen, es gäbe statt der zwei diametral entgegengesetzten Redewendungen nur eine einzige.
So bleibt mir, liebe Leserinnen und Leser, nur, an Sie zu appellieren, sich, ehe Sie eine der beiden Wendungen benutzen, genau zu überlegen, was Sie mit dem jeweiligen Satz ausdrücken möchten. Denn nicht umsonst gilt in der Sprachwissenschaft das Phonem, also der Laut, als kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit einer Sprache. In unserem Fall ist es wieder einmal das „s“, und der Unterschied in der Bedeutung könnte größer wahrlich nicht sein.

Carola Jürchott

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