Kindheitsrelikte

Im vorigen Blogeintrag ging es um umgangssprachliche Formen in der Lexik, doch auch in der Grammatik sind diese durchaus zu finden.

So bin ich beispielsweise noch damit aufgewachsen, dass man stets korrigiert wurde, wenn man die Präposition „wegen“ mit dem Dativ gebrauchte. Sagten wir als Kinder etwas wie „Wegen dem schlechten Wetter können wir nicht draußen spielen!“, konnten wir sicher sein, dass aus irgendeinem Winkel der Wohnung oder des Klassenzimmers ein mahnendes „Wegen des!“ ertönte.

Zu meinem großen Erstaunen hat mir jetzt ein Blick in die alten Ausgaben des Dudens eröffnet, dass der Dativ auch damals schon verzeichnet war, allerdings eher verschämt in Klammern und mit dem Zusatz „(ugs., bes. österr.)“.  Dennoch galt diese Form damals eigentlich als „falsch“.

Ein weit verbreiteter Bühnenwitz lautet auch heute noch: „Was ist der Unterschied zwischen einem Komiker und einem Kabarettisten? Der Komiker macht es wegen dem Geld, der Kabarettist wegen des Geldes.“ Man unterstellt also dem Gebrauch des Genitivs einen eher intellektuellen Ansatz. In der Schriftsprache ist er jedoch meines Erachtens unverzichtbar.

Ähnlich verhält es sich mit dem Wort „brauchen“ in Verbindung mit einem weiteren Infinitiv. Wie hieß es bei uns so schön: „Wer ‚brauchen‘ gebraucht, ohne ‚zu‘ zu gebrauchen, braucht ‚brauchen‘ überhaupt nicht zu gebrauchen!“ Im täglichen Sprachgebrauch hört man leider häufig auch anderes, und über Imperativformen, die keineswegs normgerecht gebildet werden, hatte ich mich ja schon in einem früheren Beitrag beklagt.

Dennoch ist der Duden auch hierbei eine probate Hilfe, wenn man sich die Einträge genau durchliest und sie zu deuten versteht. Deshalb kann ich nur empfehlen, auch bei Wendungen, die man eigentlich zu kennen glaubt, lieber einmal mehr nachzuschlagen.

Besonders hilfreich ist das übrigens, um sogenannte Interferenzfehler zu vermeiden – also Fehler, die sich daraus ergeben, dass man Konstruktionen aus einer Sprache in die andere übernimmt. Dann findet man beispielsweise auch die Information, dass die Präposition „dank“ im Deutschen außer dem Dativ besonders im Plural auch mit dem Genitiv verwendet wird und dass „entlang“, anders als im Russischen, sowohl seine Stellung in Bezug auf das Substantiv verändern kann und, abhängig davon, wo es steht, jeweils einen anderen Fall erfordert.

Probieren Sie es einmal aus und schlagen Sie die Beispiele nach, ich bin sicher, auch Sie werden noch Überraschungen erleben!

Carola Jürchott

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