Dativ oder Genitiv – wer ist wessen Tod?

Der Titel der bekannten Buchreihe, demzufolge der Dativ dem Genitiv nach dem Leben trachtet, ist sicher jedem sprachlich Interessierten geläufig. Doch besteht diese „Lebensgefahr“ wirklich nur für den Genitiv, oder ist es nicht manchmal auch umgekehrt? Aufschluss bietet in dieser Frage ein grammatikalischer Fehler, der interessanterweise Muttersprachlern sowohl des Deutschen als auch des Russischen immer wieder unterläuft – jedem in seiner Sprache.
Wie man im Russischen immer wieder hört und leider auch liest, dass nach „согласно“ ein Genitiv angeschlossen wird („согласно чего?“), sehen sich auch im Deutschen viele bemüßigt, sowohl nach der Präposition „entsprechend“ als auch nach „laut“ bei einem Maskulinum oder einem Neutrum mit einem „des“ fortzufahren. (Bei femininen Substantiven stellt sich die Frage zumindest im Singular nicht, weil der Artikel in beiden Fällen – Genitiv und Dativ – „der“ lautet.)

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Artur Rosensterns „Die Rache der Baba Jaga“ – eine Rezension

Begegnet man in der heutigen Welt einer leibhaftigen Hexe, so handelt es sich um die Schwiegermutter – so erging es zumindest Gisbert. Eher stolpernd als schreitend wird er zum Helden des deutsch-ukrainischen Liebesromans aus der Feder von Artur Rosenstern. Ein köstliches Lesevergnügen mit  hohem Fremdschäm-Faktor…

Ein Gastbeitrag von Tatjana Schmalz

In Liebesfragen sind keine sinnvollen Ratschläge einzuholen. Andernfalls ließe sich doch die Koexistenz zweier grundverschiedener Spruchweisheiten erklären: „Gleich und gleich gesellt sich gern“ und „Gegensätze ziehen sich an“. Voller Gegensätze steckt auch die Beziehung zwischen dem Versager Gisbert und der ukrainischen Überfliegerin Julia. Dass ein Mann überhaupt auf eine Maid weit oberhalb seiner Liga schielt, kennt man sonst nur aus russischen Volksmärchen. Darin erobert der Bauernsohn Iwan-Dummkopf auf wundersame Weise die wunderschöne und weise Königstochter, doch der Weg dahin ist natürlich niemals asphaltiert …

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Der Nominativ ist aller anderen Fälle Tod

Zu diesem, einem bekannten Buchtitel entlehnten, Schluss könnte man kommen, wenn man ein wenig den Gesprächen an der Supermarktkasse oder unter Schülern lauscht.
„Wie viel kostet das?“
„Ein Euro achtundvierzig.“
Warum „ein Euro“ und nicht „einen Euro“? Was ist aus dem guten alten Akkusativ geworden?
„Bei wem habt ihr Mathe?“
„Bei Herr Müller.“
Nanu? Seit wann verlangt denn die Präposition „bei“ keinen Dativ mehr? Oder ist der Dativ von „Herr“ inzwischen nicht mehr „Herrn“? Weit gefehlt – zumindest laut dem guten alten Duden.
Auch dem Genitiv geht es nicht besser. So findet man auf der Webseite einer Gesamtschule die höchst fragwürdige Überschrift: „Herr Müller’s Abschied“. Abgesehen vom Apostroph, über dessen Überflüssigkeit in einer solchen Formulierung an dieser Stelle und anderenorts schon vieles geschrieben wurde, ist hier wohl nicht einmal den Deutschlehrern der entsprechenden Schule aufgefallen, dass es nur eine Möglichkeit gibt, Herrn Müllers Abschied sprachlich korrekt zu begehen.

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„Schweigeminuten“ – Literarische Videobeiträge zu einer vielstimmigen Erinnerungskultur

Anlässlich des 80. Jahrestags der Deportation der Russlanddeutschen

Was empfindet ein Mensch, dessen Biografie oder Familiengeschichte nicht in das offizielle geschichtliche Narrativ der Gesellschaft passt, in der er lebt? Wie können Gedenken und Erinnern Würde verleihen oder sogar Traumata bewältigen? 2,5 Millionen Bundesbürger russlanddeutscher Herkunft gedenken im Sommer 2021 an das Kriegsfolgenschicksal ihrer Eltern- und Großelterngeneration. Sieben Autorinnen und Autoren sprechen im Projekt „Schweigeminuten“ über die Bedeutung dieses Themas für die Gesamtgesellschaft und ihren persönlichen Umgang damit.

Im Juni 1941 überfällt Nazideutschland die Sowjetunion: „Unbedingt aussiedeln – mit Gewalt“ lautet Stalins Begleitnotiz unter der Vorlage zum Deportationserlass im August 1941, mit dem Bürger deutscher Herkunft, die auf seinem Territorium leben für die folgenden Jahrzehnte willkürlich und pauschal als innere Feinde gebrandmarkt werden. Für Russlanddeutsche beginnt damit das, was heute als ihr Kriegsfolgenschicksal bezeichnet wird: Verbannung, Zwangsarbeit, Sonderaufsicht. Diejenigen, denen es gelingt aus der Sowjetunion zu fliehen, werden nach Kriegsende rücküberstellt und des Vaterlandverrates bezichtigt. Es folgen auch hier: Lager, Entrechtung, Stigma.Verdrängt und unaufgearbeitet wirkt dieses Kollektivtrauma über Generationen hinweg bis heute nach. Sprachlosigkeit und Schweigen prägten die Kommunikation vieler russlanddeutscher Familien von innen. Das Verschweigen und Verdrängen ihrer Erfahrungen bestimmte die Erinnerungskultur von außen. Am Ende der Kette stehen der Sprachverlust und das Vergessen. Das Kriegsfolgenschicksal bildete aber auch den humanitären Aufnahmegrund der davon Betroffenen in Deutschland. Warum bin ich hier, ist eine Frage, mit der sich die heutigen Generationen zunehmend laut beschäftigen. Warum sind sie hier, fragt sich ein großer Teil der Mehrheitsgesellschaft.

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Stark oder schwach – das ist hier die Frage

Dass ein Wort verschiedene Bedeutungen haben kann, ist keine Neuigkeit, und dass man diese Erscheinung „Polysemie“ nennt, ist ebenfalls bekannt. Genauso verhält es sich mit der Homonymie, einer Erscheinung, bei der mehrere Wörter gleich klingen und meist auch gleich geschrieben werden, aber eine unterschiedliche Bedeutung haben. Normalerweise kennt man diese Wörter und verwendet sie so, wie es für den jeweiligen kommunikativen Zweck erforderlich ist.


Schwierig wird es nur, wenn man sich des Unterschiedes zwischen beiden Erscheinungen nicht bewusst ist und sie deshalb verwechselt. Ein Wort, bei dem das im Deutschen auch Muttersprachlern besonders häufig passiert, ist das Verb „hängen“. Hier gehen viele Menschen davon aus, dass es sich um eine Polysemie handelt, die sowohl den Zustand („Das Bild hängt am Haken.“) als auch den Vorgang („Ich hänge die Schlittschuhe an den Nagel.“) bedeuten kann.

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Überlegungen zu Raum und Zeit

Von beim Übersetzen mitunter notwendigen Perspektivwechseln war an dieser Stelle schon die Rede. Diese betreffen häufig objektive Umstände wie Zeitangaben oder räumliche Vorstellungen wie etwa Entfernungen.
So habe ich mich vor vielen Jahren sehr gewundert, als mir meine Moskauer Freunde begeistert erzählten, sie seien von Berlin aus „mit der S-Bahn“ nach München gefahren. Es dauerte eine Weile, bis bei mir der berühmte Groschen fiel – und er tat es sprichwörtlich pfennigweise: Da der Zug, mit dem sie gefahren waren, über keinerlei Schlafwagen verfügte, kam er der russischen электричка deutlich näher als einem поезд, in dem es in der Regel Schlaf- oder doch zumindest Liegewagen gibt. Auch war die Entfernung in ihren Augen nicht der Rede wert, schließlich ist sie ohne eine Übernachtung zu bewältigen, und auch das sieht in Russland zwischen Großstädten meist deutlich anders aus.

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Was gehört wozu?

Die Frage in der Überschrift könnte zu der Vermutung verleiten, in diesem Beitrag gehe es wieder einmal um Possessivpronomina oder sonstige Besitzverhältnisse. Doch weit gefehlt: Das heutige Thema ist eine Formulierung, die mir in deutschen Texten immer wieder auffällt und die ein eindeutiger Beleg dafür ist, dass der jeweilige Verfasser seinen eigenen Satz nicht konsequent zu Ende gedacht hat.
So hörte ich beispielsweise vor Kurzem in einer Fernsehserie den Satz:
„Offenheit zählt zu einer unserer wichtigsten Tugenden.“
Wie, bitte schön, kann etwas zu einer Tugend zählen, das selbst nicht einer ihrer Bestandteile, sondern eine Tugend für sich ist?

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Nobody is perfect – Von Vollendetem und Unvollendetem


Wohl jeder, der Russisch als Fremdsprache bei einem Muttersprachler gelernt hat und selbst bis dato noch nicht mit einer slawischen Sprache konfrontiert gewesen war, hat früher oder später die Frage gestellt, wie man denn den vollendeten Aspekt eines Verbs vom unvollendeten unterscheiden könne, und hat zur Antwort einen Tipp erhalten, der die Sache für ihn nur noch rätselhafter machte: „Sie müssen doch nur fragen: ‚Что делать?‘ oder ‚Что сделать?‘“ Genau an dieser Stelle liegt nämlich der berühmte Hase im sprichwörtlichen Pfeffer. Wenn man nicht gewöhnt ist, in den Kategorien dieser Aspekte zu denken, stellt man diese Fragen erst gar nicht bzw. ist nicht in der Lage, sie für sich automatisch richtig zu beantworten. Deshalb ist das wahrscheinlich auch eine der Fehlerkategorien, an denen man Nicht-Muttersprachler des Russischen, so gut sie die Sprache auch beherrschen mögen, immer wieder erkennt: In einem langen Gespräch rutscht einem dann doch ungewollt irgendwann der falsche Aspekt heraus.

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„Aus der Stille kommt das Wort“ – eine Rezension des Erzählbands „Gesammelte Scherben“

von Ida Häusser

„Aus der Stille kommt das Wort.“ So beginnt eine Geschichte aus Melitta L. Roths GESAMMELTE SCHERBEN. Ja, man muss sich Zeit nehmen, sie zu lesen, und die Stille um sich herum am besten mit dazu. Man muss sich auf die Textbruchstücke einlassen – und wird reich belohnt. Sie erzählen so viel.

Die Geschichten folgen keinem roten Faden. Es ist eine Collage aus Zufällig-Gefundenem und Streng-Gehütetem, aus Achtlos-Fallengelassenem und Mutwillig-Zertrümmertem, feines Porzellan aus der Familientruhe neben schwerem Steinzeug der Dorfleute – alles in tausend Öfen gebrannt. Eleganter Silberrand neben Unheilverheißungen, zarte Rosenranken auf rabenschwarzen Vorahnungen, Surreales mit Blümchenmuster neben dem allzu realen Schnurbart-Konterfei auf den Etiketten der zerschlagenen Wodka-Flaschen. Nichts passt zu einander und doch, und doch: Es ist Teil des Ganzen, des Trümmerfeldes der Russlanddeutschen Geschichte.

„Kintsugi“ heißt eine der literarischen Miniaturen, sie beschreibt die japanische Kunst, zerbrochene Teile beim Zusammensetzen mit Gold zu kitten. Schön wär’s! Die russlanddeutschen Schicksale lassen sich nicht kitten, mit keinem Gold der Welt.

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Buchtipp: „Wie Schatten werden“, Gediche von Lilli Gebhard

Die Biografien unserer Eltern und Großeltern bestimmen unsere Handlungen und Wahrnehmungen auf einer ganz tiefen inneren Ebene. Wenn wir uns unsere Geschichten erzählen würden, fänden wir vielleicht Auswege aus den sich wiederholenden Szenarien. Und vielleicht fänden wir trotz aller Differenzen zueinander. Lilli Gebhard öffnet mit ihren Gedichten einen Raum für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Sie verharrt eine Weile in der Betrachtung des Grauens, spannt dann aber einen Bogen zur Hoffnung und schafft Bilder, in die man sich mit seiner ganz eigenen Geschichte hineinschreiben kann. Inspiriert wurde sie zu dieser Gedichtsammlung durch die Auseinandersetzung mit Texten von russlanddeutschen Mennoniten im Rahmen ihrer Dissertation. In vielen Berichten stieß sie auf leidvolle Lebensgeschichten. Offen blieben allerdings Momente von Trauer, in denen das Erlebte durchfühlt und verarbeitet werden konnte. Dieser emotionalen Seite der Aufarbeitung spürt sie in ihren Gedichten nach.

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