Was lange währt…

 

… ist nicht immer einfach auszudrücken. Oder zumindest nicht immer auf dieselbe Art und Weise. So stieß ich kürzlich in einem sozialen Medium sinngemäß auf einen Satz, der seiner Struktur nach dem folgenden ähnelte: „Solange wir in der Kneipe im Fernsehen das Fußballspiel sahen, war zu Hause mächtig was los.“ Mir drängte sich beim Lesen sofort die Frage auf: Und dann? War, nachdem das Fußballspiel zu Ende war, zu Hause nichts mehr los? Der Kontext deutete eindeutig darauf hin, dass dem nicht so war, und das ist auch schon der springende Punkt: Hier hätte nämlich anstelle der Konjunktion „solange“ eigentlich „während“ stehen müssen.Continue reading →

Von Auslassungszeichen und ausgelassener Zeichensetzung

Unterstützung für Kid’s

Als ich kürzlich diese Werbung las, wurde mir klar, dass die inflationäre Verwendung eines Zeichens, das eigentlich Auslassungen anzeigen sollte, offensichtlich eine neue Stufe erreicht hat. Immer wieder liest man in letzter Zeit vom sogenannten Deppen-Apostroph, der, wenn er einen Genitiv markieren soll, aus dem Englischen ins Deutsche geradezu herübergeschwappt ist. Gemeint ist damit die regelwidrige Verwendung des Apostrophs an Stellen, wo dieser gänzlich überflüssig ist. Dieses Phänomen ist jedoch meist bei Genitivformen zu finden; mit ihm, wie oben geschehen, auch noch eine Pluralform zu bilden, ist dann schon gewissermaßen die „hohe Schule“.

Hält man sich an althergebrachte Regeln des Hochdeutschen, genügt für die Kennzeichnung des 2. Falls in der Grammatik nämlich das s, das ohne weitere Zeichen an den jeweiligen Namen angehängt wird. Unverzichtbar ist der Apostroph nur in einem einzigen Fall: wenn der Name, der in den Genitiv gesetzt werden soll, mit einem reinen oder modifizierten s-Laut endet, also auf –s, -ss, -ß, -z, -tz oder –x. Hier wird nämlich das zusätzliche s, mit dem der Genitiv gebildet werden sollte, ausgelassen. „Günter Grass‘ Roman“ und „Ringelnatz‘ Humor“ sind also richtig, während „Günter’s Blechtrommel“ und „Joachim’s Gedichte“ wohl bei beiden zumindest ein Stirnrunzeln hervorrufen würden.Continue reading →

„Die Birkeninsel“ von Heinrich Rahn

Der Titel des Romans „Die Birkeninsel“ stellt den zentralen Dreh- und Wendepunkt des Geschehens dar. Jedes Mal, wenn die magische Insel erscheint, wird die Handlung auf unvorhergesehene Weise vorangetrieben.
Organische Verschmelzung mit der Natur, tiefe Verbunden­heit von Mann und Frau, Raum und Zeit, Traum und Wirklichkeit, Magie und Wissenschaft – all das wird in diesem Roman durch den sensiblen Protagonisten Rene beleuchtet und durchlebt. Durch den 2. Weltkrieg entwurzelt, führt sein Weg ihn von der Ukraine, nach Deutschland, über Sibirien nach Kasachstan. Als naturverbundener Junge hat er eine außergewöhnliche Vorstellungskraft und findet sich oft in einer Birkeninsel ein, wo ihm die Bäume magische Geschichten zu flüstern scheinen. Dieser „Schein“ ändert sich im Laufe seines Lebens in „Sein“. Denn die nur geträumt geglaubten Geschichten verbinden sich mehr und mehr mit der Realität. So steht Rene immer wieder vor der Frage, was „wirklich“ ist. Sei­ne große Liebe zur Natur und zu der mysteriösen Tawi treibt ihn an, diese Frage zu lösen.

Heinrich Rahn

1943 im Dorf Sparau, Ukraine, in einer deutschen Familie geboren. Nach dem Krieg kam die Familie erst nach Nordsibirien (Deportation), dann nach Kasachstan. In der Stadt Schtschut­schink absolvierte er 1965 eine Inge­nieurschule und arbeitete dann in verschiedenen Baukombi­naten als leitender Bauingenieur. Seit 1990 in Deutschland in ver­schiedenen Archi­tek­turbüros tätig, heute im Ruhestand. So kann er sich ganz auf seine schriftstellerische Leidenschaft konzentrieren, der er seit seiner Kindheit treu geblieben ist. Im Geest-Verlag bereits erschienen: Der Jukagire (2008) und Aufzug Süd-Nord (2011). Heinrich Rahn wurde 2015 vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst gefördert.

Das Buch ist erschienen im Geest-Verlag, 2018, 404 S., 12.80 Euro, ISBN 978-3-86685-673-8

Leseprobe aus „Die Birkeninsel“

Eine weitere Tücke des S

Gerade habe ich den folgenden Satz im Fernsehen gehört: „Verlangt wird nichts weniger als Perfektion.“ Dass es sich um einen Bericht über die letzte Kavalleriestaffel der französischen Gendarmerie handelte, tut zwar grammatisch nichts zur Sache, verleiht der Aussage aber noch ein wenig mehr Brisanz: Warum sollte ausgerechnet am 14. Juli, dem Nationalfeiertag der Grande Nation, kein Wert auf Perfektion gelegt werden?
Genau das ist es nämlich, was mit diesem Satz ausgesagt wird. Verlangt man „nichts weniger als Perfektion“, bedeutet das im Umkehrschluss, dass alles andere mehr verlangt wird als Perfektion, da diese sozusagen an letzter Stelle der Prioritäten steht. Schließlich gibt es offenbar nichts, das weniger verlangt wird.

Gemeint hat der Kommentator jedoch das ganze Gegenteil – verlangt wird nicht weniger als Perfektion. Mit weniger als der perfekten Parade dieser Kavalleriestaffel gibt man sich nämlich nicht zufrieden. Continue reading →

„Kurzweil durch Mathe“

So hieß zwar zu meiner Kinderzeit ein Buch, mit dessen Hilfe Kinder unterhaltsam an mathematische Probleme herangeführt werden sollten, doch auch bei Übersetzungen sorgt die Zahlenwelt immer wieder einmal dafür, dass es nicht langweilig wird, bzw. dafür, dass man als Übersetzer besonders aufpassen muss.
Der Klassiker unter diesen Problemen sind statistische Angaben, in denen erwähnt wird, dass sich ein Wert um einen anderen auf einen dritten erhöht oder verringert.
Die Tatsache, dass die russische Präposition „на“ ansonsten in vielen Fällen mit „auf“ übersetzt werden kann, ist in diesem Fall eher kontraproduktiv und führt immer wieder zu sogenannten Interferenzfehlern. Damit werden Fahler bezeichnet, die sich einschleichen, wenn man Konstruktionen aus der einen Sprache zu leichtfertig in eine andere übernimmt. So ist es auch hier.Continue reading →

Ein Antibiotikum und viele Periodika

Haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, auch manchmal das Gefühl, mit Ihrem Latein buchstäblich am Ende zu sein? Dann sind Sie damit auf keinen Fall allein, denn immer wieder hört man (und manchmal liest man es sogar), dass die Unterscheidung zwischen Singular- und Pluralformen von Wörtern, die aus dem Lateinischen stammen und dort auf „-um“ enden, vielen Menschen auch im Deutschen Schwierigkeiten bereiten.
Da werden dann die Pluralformen, die auf „-a“ enden, behandelt, als wären sie eine Einzahl, und bekommen im schlimmsten Fall auch noch den Artikel buchstäblich vor die Nase gesetzt, der eigentlich der Singularform zustände. Besonders Übereifrige hängen dann an diese Form noch das Plural-s, wenn sie ausdrücken möchten, dass nicht nur von der Einzahl die Rede ist.Continue reading →

Verdichtete Zeit – Zum neuen Lyrikband von Agnes Gossen „Flügelschlag der Zeit“

Ein Gastbeitrag von Melitta L. Roth

Agnes Gossens neu erschienene Gedichtsammlung befasst sich mit einem Phänomen, das unser ganzes Leben durchzieht – der Zeit. Sie nähert sich in ihren Versen dem Thema lyrisch und philosophisch und zeigt, dass Zeit nicht nur eine rein physikalische Größe ist, sondern ein großes Geheimnis.

Der neue Band der Dichterin Agnes Gossen trägt den Titel „Flügelschlag der Zeit“ und ist in Mai 2018 im Burau-Verlag erschienen. Was ihn thematisch zusammenhält, ist das Motiv der Zeit. In vier Zyklen unterteilt, breitet das Büchlein verschiedene Facetten dieses alles durchdringenden Phänomens vor uns aus und bietet Anstöße zum Nachdenken über das Vergangene, das Gegenwärtige und das Zukünftige.

Die meisten Gedichte in diesem Band sind in freien Versen gehalten, gelegentlich finden sich Reime darunter. Es sind offene, klare Worte, die Schönheit oder Melancholie beschreiben, innere Monologe über Natur und Vergänglichkeit. In ihren Versen verarbeitet Agnes Gossen unter anderem die Sehnsucht nach einer vergangenen Liebe, den Verlust der Heimat und das Ankommen in einem neuen Land. Die Einsamkeit kommt darin vor ebenso wie der Wunsch, dem zermürbenden Alltag mithilfe der Poesie zu entfliehen.

Für das Verstreichen der Zeit wählt die Dichterin häufig Symbole wie den Fluss, das Meer oder den Regen. Strömend, fließend, aber auch unkontrollierbar wie das Wasser. Auch die Form ihrer Poesie selbst hat etwas Leichtes, Fließendes – wie das Wasser.Continue reading →

Samt und sonders

(Teufel steckt im Detail – 21)

Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen den Mengenangaben „sämtlich“ und „gesamt“? Was den Sinngehalt dieser Wörter betrifft, kann man diese Frage zunächst verneinen. Es geht jeweils darum, eine komplette Menge oder etwas Komplettes, also 100%, zu bezeichnen – ohne eine Ausnahme. Dennoch, liebe Leserinnen und Leser, ahnen Sie es: Auch hier steckt der Teufel im Detail, nämlich in der Verwendung beider Adjektive.

„Sämtlich“ ist laut Duden ein Synonym für „all“. Damit ist klar, dass man „alle“ problemlos durch „sämtliche“ ersetzen kann, speziell, wenn man die Ausnahmslosigkeit besonders betonen möchte. Die Verwendung im Plural ist damit also hinreichend geklärt.

Allerdings bietet der Duden auch Beispiele an wie „sämtlicher aufgehäufte/aufgehäufter Sand“ oder „sämtliches beschlagnahmte Eigentum“. Hier wird deutlich, dass sich auch „sämtliche“ nicht ausschließlich auf Pluralformen beziehen muss. Bei den bezeichneten Mengen handelt es sich also um etwas Zähl- oder Messbares, wobei meist noch ein weiteres Attribut eingefügt wird, um etwa das „beschlagnahmte Eigentum“ vom nicht beschlagnahmtem abzugrenzen. Auch hier ließen sich die einzelnen Formen von „sämtlich“ (wenn auch stilistisch weniger gelungen) durch die entsprechenden Formen von „all“ ersetzen. Nutzt man das Adjektiv in seiner Form als Adverb („Seine Gedichte sind sämtlich im freien Versmaß geschrieben.“), kann es auch durch die feststehende Wendung „samt und sonders“ ersetzt werden.

„Gesamt“ hingegen steht nicht für eine vollständige Anzahl oder Menge von etwas Zähl- oder Messbarem, sondern für etwas komplettes Einzelnes: „die gesamte Bevölkerung“, „der gesamte Roman“ usw. Hier ist im Singular nur „gesamt“ zu verwenden.

Im Plural hingegen kommt es auf die Perspektive an.

Möchte man ausdrücken, dass bei mehreren Substantiven ein jedes von ihnen in seiner Gänze betroffen ist, verwendet man „die gesamten“: „Die gesamten Bücher wurden im Flattersatz gedruckt.“ Das bedeutet, man möchte betonen, dass es innerhalb der einzelnen Bücher keine Seite gibt, die im Blocksatz steht.

Schreibt man jedoch: „Sämtliche Bücher wurden im Flattersatz gedruckt.“, liegt das Hauptaugenmerk auf der Information, dass es kein Buch gibt, das davon eine Ausnahme bildet.

Carola Jürchott

www.lust-auf-geschichten.de

„Roter Herbst in Chortitza“ von Tim Tichatzki – ein Roman, der es in sich hat!

Buchvorstellung und Interview mit dem Autor

von Nina Paulsen

Tim Tichatzki erzählt die dramatische Geschichte einer russlanddeutschen Familie

Allein schon der Titel „Roter Herbst in Chortitza“ lässt Russlanddeutsche oder ihre Nachkommen, die ihre Wurzeln in Südrussland – den sogenannten Chortitzaer Kolonien – haben, aufhorchen. In seinem Roman „Roter Herbst in Chortitza“ (464 Seiten, ISBN 978-3-7655-0988-9), das im Februar 2018 im Brunnen Verlag erschienen und nach einer wahren Geschichte geschrieben ist, verarbeitet der Autor Tim Tichatzki die Lebensgeschichte seiner Schwiegermutter, die 1930 in der Region Chortitza geboren wurde und Mitte der 1970er Jahre mit Familie nach Deutschland kam. 1919 fegt der Bürgerkrieg mit aller Gewalt über das zerfallende Zarenreich. Gefangen zwischen den Fronten, finden die beiden Freunde Willi und Maxim ein von Soldaten zurückgelassenes Maschinengewehr. Für Maxim ein Geschenk des Himmels, für Willi die größte Herausforderung seines Glaubens, denn als Sohn mennonitischer Siedler hat er gelernt, jede Form von Gewalt abzulehnen. Eine Zerreißprobe für die Freundschaft der beiden Jungs.
Während Willis Familie in der aufkommenden Sowjetdiktatur ums nackte Überleben und um ihren Glauben kämpft, schlägt sich Maxim ausgerechnet auf die Seite des Regimes. Beide wissen nicht, ob sich ihre Wege je noch einmal kreuzen werden. Zwei Lebenswege inmitten der sowjetischen Diktatur, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Continue reading →

Roman „Wie Gräser im Wind: Tage des Sturms“ (Bd. 1) von Ella Zeiss erschienen

Im Mai 2018 erschien der neue Roman „Wie Gräser im Wind: Tage des Sturms“ von Ella Zeiss. Hier präsentieren wir das erste Kapitel daraus:

Kapitel 1

1930, deutsche Siedlung auf der Halbinsel Krim, Sowjetunion

Das laute Rattern eines Motors ließ Anna alarmiert innehalten. In ihrem Dorf besaß niemand einen Wagen. Das Geräusch konnte also nur eins bedeuten.
Von einer dunklen Vorahnung erfüllt, wischte sie sich hastig die Hände, die vom Kneten des Brotteigs ganz mehlig geworden waren, an der langen Schürze ab und trat vorsichtig ans Fenster.
Sie hatte sich nicht geirrt. Ein Kleinlaster fuhr die Hauptstraße des Dorfes entlang. Drei bewaffnete Männer von der Volkskommission für innere Sicherheit saßen darin.
Anna stockte der Atem. Selbst Yvo, die in der Ecke mit ihren Holzklötzchen spielte, schien die plötzliche Anspannung der Mutter zu spüren, und wurde ganz still.
Besorgt schaute Erich von seinen Hausaufgaben hoch. »Mama?«
»Schht.« Schweigen gebietend hob Anna ihre Hand und wagte erst wieder aufzuatmen, als der Wagen die Haustür passiert hatte. Besorgt folgte sie ihm mit den Augen und spürte, wie sich ein eisiger Klumpen in ihrem Magen ausbreitete, als das Fahrzeug vor dem Pfarrhaus abrupt hielt. Das verhieß nichts Gutes.
Rufe wurden draußen laut. Anscheinend wurde den Männern der Eintritt verwehrt.
»Mama, was ist los?« Ängstlich trat Erich zu ihr und versuchte, einen Blick aus dem Fenster zu erhaschen. Yvo lief tapsig auf sie zu und drückte sich an ihre Knie.
Zitternd schlang Anna sich ein Wolltuch um die Schultern und warf ihren Kindern einen unsicheren Blick zu. Sollte sie es wirklich wagen, jetzt hinauszugehen, sich einzumischen?
Anna atmete tief durch. Ihr würde schon nichts passieren. Das Interesse der Männer galt dieses Mal offensichtlich Pfarrer Friedrich. Doch sie konnte einfach nicht zulassen, dass die Sicherheitsmiliz auch Rita, dessen kleine Tochter, mit sich nahm, um sie in irgendein Waisenhaus zu stecken.
Ernst sah Anna ihren Sohn an, der ihren Blick für seine acht Jahre viel zu verständig erwiderte. »Erich, du bleibst bei Yvo. Hast du mich verstanden?«
Er nickte unsicher.
»Und egal was passiert, ihr bleibt hier im Haus.«
»Ja, Mama.« Er nickte erneut und nahm seine kleine Schwester tapfer bei der Hand. Continue reading →