Nicht das Ende einer Tradition, sondern ein neuer Anfang

Bericht von der Lesung und Podiumsdiskussion mit Eleonora Hummel und Artur Rosenstern in Berlin am 3. Dezember 2018

von Carola Jürchott

Eleonora Hummel (Copyright: C. Jürchott)

Wie unterschiedlich Wahrnehmungen doch sein können! Dieses Gefühl wurde bei mir wieder wachgerufen, als ich einen Rundfunkbeitrag über die Lesung der russlanddeutschen Schriftsteller Eleonora Hummel und Artur Rosenstern in Berlin hörte. Der Autor des Berichts beklagte ein „geringes Interesse“, weil „nicht einmal 30 Leute“ zu eben dieser Lesung erschienen seien. Ich dagegen war heilfroh gewesen, als ich in den nicht eben großen, aber gut gefüllten Saal in der Chausseestraße gekommen war, weil ich weiß, dass es an jedem Abend in Berlin zigtausend Veranstaltungen gibt, um deren Besucher man dann konkurriert. Gerade Autorenlesungen haben es in diesem Umfeld nach meiner Erfahrung immer schwer mit der Massenwirksamkeit. Deshalb fand ich, dass über 20 Zuhörer bei einer Lesung an einem Montagabend mitten in der Adventszeit durchaus einen Erfolg darstellen – erst recht in einem so traditionsreichen Ambiente wie dem ehemaligen Wohnhaus von Bertolt Brecht und Helene Weigel.

Die Lesung wurde mit Unterstützung des Deutschen Kulturforums östliches Europa veranstaltet, und Edwin Warkentin, der Kulturreferent für Russlanddeutsche am Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold, führte durch den Abend. Dieser war Teil einer Lesereise mehrerer russlanddeutscher Autoren, die unter anderem auch noch in Hamburg die Anthologie des Literaturkreises der Deutschen aus Russland „Und zur Nähe wird die Ferne“ vorstellten.

Im Mittelpunkt der Lesung standen jedoch eigenständige Werke der beiden Autoren, Continue reading →

„Meine Herzenswunde blutet …“

In Erinnerung an Dominik Hollmann – zum 120. Geburtstag

von Nina Paulsen

Wie lange soll der Frost noch dauern? / Wann scheint die Sonne warm und mild? / Wann darf auf heimatlichen Auen / mein Volk vereint ich wieder schauen – / des Sehnsuchtstraumes süßes Bild.

(c) Privatarchiv R. Bender

In diese Zeilen aus seinem Gedichtzyklus „Meine Herzenswunde blutet…“ hat Dominik Hollmann seinen ganzen Herzensschmerz über die erniedrigende und rechtlose Lage seiner Volksgruppe gelegt. Das Problem der Gleichberechtigung der Russlanddeutschen in der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg hat den anerkannten Prosaschriftsteller und Lyriker, Essayisten und Publizisten, Literaturwissenschaftler und Übersetzer Zeit seines Lebens beschäftigt. Er hatte nie aufgehört, den Anspruch der Russlanddeutschen auf diese Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen einzufordern.

Dominik Hollmann kam am 12. August 1899 in Kamyschin/Wolga zur Welt. Die Mutter (an seinen Vaters konnte er sich nicht erinnern) hielt die Familie als Waschfrau, Näherin oder Magd mit Müh und Not übers Wasser. So sah sich auch Dominik ganz früh auf sich selbst gestellt. Die städtische Vierklassenschule und ein Lehrerkurs in Kamyschin, den er 1916 abschloss, war die erste Station auf dem Weg zum ersehnten Lehrerberuf. Schon mit siebzehn begann seine Lehrtätigkeit – zuerst in der deutschen Kirchenschule in seiner Heimatstadt, später in Rothammel, Erlenbach und Marienfeld. Als in Engels 1928 die Deutsche Pädagogische Hochschule eröffnet wurde, war Hollmann bereits Oberhaupt einer sechsköpfigen Familie – ein Direktstudium kam vorerst nicht in Frage. Nach zwei Jahren Fernstudium an der Moskauer Staatsuniversität, setzte er 1932-1935 seine Ausbildung an der Deutschen Pädagogischen Hochschule in Engels fort. Danach war er sechs Jahre Dozent und Dekan des Fachbereichs für deutsche Sprache und Literatur an derselben Hochschule.

D. Hollmann mit Schriftstellerkollegen (c) Privatarchiv von R. Bender

Bereits während des Studiums und in der Folgezeit trat Hollmann als Autor, Übersetzer, Nachdichter und Lehrbuchverfasser hervor. Seit 1923 schrieb der junge Dorflehrer Berichte für die Zeitung „Nachrichten“, bald auch Kurzgeschichten über das Dorfleben. In den 1930er Jahren veröffentlichte er Gedichte, Kurzerzählungen und Kritiken in der deutschen Presse. Hollmann verfasste außerdem Lehrbücher der deutschen Grammatik für Schulen, stellte ein Lesebuch für Erwachsene zusammen, machte zahlreiche Übersetzungen aus dem Russischen für den Deutschen Staatsverlag und wirkte aktiv im Schriftstellerverband der ASSR der Wolgadeutschen mit. 1940 wurde er in den Schriftstellerverband der UdSSR aufgenommen.

Die Deportation nach Sibirien und die Arbeitsarmee im Gebiet Kirow (Arbeitslager Wjatka), wo er als Holzfäller Zwangsarbeit leistete, durchkreuzten über Nacht alle seine Pläne. Hollmann litt so schwer an Skorbut und Auszehrung, dass er im März 1944 als „Dochodjaga“ (untauglich zum Arbeitseinsatz) beurlaubt wurde – halbtot und dahinsiechend. Nur langsam gelang es ihm, dem Tod zu entkommen. Nicht aber seiner herzkranken Frau, die im Winter 1945 starb, und der jüngsten siebenjährigen Tochter, die durch einen tragischen Unfall ums Leben kam. Bis 1953 war Hollmann immer noch Zwangsarbeiter am Jenissej im Hohen Norden, zu verschiedenen landwirtschaftlichen Arbeiten verpflichtet, zum Schluss durfte er die Rechnungsführung in einem kleinen Fischerartel übernehmen. Danach kehrte er zum Lehrerberuf zurück, zuerst unterrichtete er Deutsch an einer Siebenklassenschule im Rayon Kansk. Nach der Aufhebung der Kommandanturaufsicht war er von 1956 bis 1964 Oberlehrer für deutsche Sprache an der Sibirischen Technologischen Hochschule Krasnojarsk.

Hollmann gehörte zu den ersten Autoren, die literarisch tätig wurden. Als 1955 in Barnaul die erste deutschsprachige Nachkriegszeitung „Arbeit“ (1955-1957) erschien, war er sofort unter den Literaten, deren Werke die Zeitung druckte. 1964 ging er in Rente und widmete sich ganz der literarischen Tätigkeit. Die Literaturseiten der drei deutschsprachigen Zeitungen „Neues Leben“ (Moskau, seit 1957), „Rote Fahne“ (Slawgorod/Westsibirien, seit 1957) und „Freundschaft“ (Zelinograd/Kasachstan, seit 1966) sowie der Almanach „Heimatliche Weiten“ (1981-1990) waren auch für ihn die einzige Möglichkeit, seine Werke – Gedichte, Prosa und literaturkritische Abhandlungen – an den Leser zu bringen. Hollmann verfasste etwa 600 Gedichte (davon sind 15 vertont worden) und zahlreiche kürzere und längere Prosawerke.

Nach dem Krieg gehörte Hollmann zu den Pionieren der Autonomiebewegung. Schon 1957 verfasste er ein Schreiben an das ZK der KPdSU, wo er an konkreten Beispielen die ungleiche Behandlung der Deutschen darstellte. In den nächsten Jahrzehnten folgten weitere Schreiben und Petitionen an die höchsten sowjetischen Partei- und Regierungsinstanzen. Im Januar 1965 war Dominik Hollmann Teilnehmer der ersten Delegation der Russlanddeutschen.

Jedes Mal wurde Hollmann in das örtliche Parteikomitee vorgeladen und einem strengen Verhör unterzogen. Es wurden unangenehme Konsequenzen angedroht, sollte er mit ähnlichen Briefen nicht aufhören. Sein beharrliches Engagement für die Wiederherstellung der Rechte der Russlanddeutschen führte 1976 zu einem Boykott durch die Zeitung „Neues Leben“ und beraubte Hollmann zeitweilig der Möglichkeit, seine Werke zu veröffentlichen.: In der Überzeugung – „Je mehr solcher Briefe an die Regierung gerichtet werden, desto besser“ – ließ er sich dennoch nicht einschüchtern.

Als Vorreiter stand Dominik Hollmann auch an den Anfängen der Nachkriegsliteratur und der Literaturbewegung. „Wir Lehrer und Schriftsteller müssen die Initiative ergreifen, um etwas für unser Volk zu erreichen. Zerstreut auf einem außerordentlich großen Territorium, ohne Schulen, ohne Möglichkeit, die deutsche Muttersprache zu erlernen und zu sprechen, wird unser Volk seine Kultur, seine Identität verlieren“, fasste er seine Motivation zusammen. Er war Organisator der deutschen Sektion bei der Krasnojarsker Zweigstelle des Schriftstellerverbandes der RSFSR (1958) und Initiator der ersten Schriftstellerseminare (1958, 1959 und 1962) in Krasnojarsk. Das letzte größte Seminar, an dem sich auch Dominik Hollmann beteiligte, fand im Rahmen der Sawatzky-Dichterlesungen im Juli 1978 in Slawgorod und in den deutschen Dörfern der Kulunda-Steppe statt. Hollmann referierte über das Leben und Werk von Gerhard Sawatzky (1901–1944).

Gleichzeitig entwickelte Dominik Hollmann einen regen Briefwechsel mit zuständigen Schriftstellerbehörden, vor allem mit dem Schriftstellerverband der RSFSR, um Schriftstellerseminare deutschschreibender Autoren durchzuzusetzen. Das erste Unionsseminar „sowjetdeutscher“ Schriftsteller der Nachkriegszeit, dem weitere folgten, konnte im Januar 1968 in Moskau stattfinden. Im gleichen Jahr wurde außerdem die „Kommission für sowjetdeutsche Literatur“ beim Schriftstellerverband der UdSSR gegründet, zu der auch Dominik Hollmann gehörte.

1978 kehrte er in seine Heimatstadt Kamyschin zurück. Neben der schriftstellerischen Tätigkeit machte er sich für die Erhaltung der deutschen Kultur stark, initiierte die Gründung des Leserklubs der Zeitung „Neues Leben“, dessen Leiterin die Tochter Ida Bender war, und engagierte sich als Inspirator des Leserklubs. Für sein vielfältiges literarisches und gesellschaftliches Engagement wurde er 1989 mit dem Orden der Völkerfreundschaft ausgezeichnet.

Dominik Hollmann starb am 6. Dezember 1990 in Kamyschin. Seine Nachkommen, allen voran die Tochter Ida Bender (1922-2012) und ihr Sohn Rudolf Bender, entwickelten ein beispielhaftes Engagement zur Wahrung und Vermittlung des literarischen Erbes von Dominik Hollmann. Zu seinem 120. Geburtstag hat die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e. V. einen Fotokalender „Dominik Hollmann 1899-2019. Altmeister der russlanddeutschen Literatur“ herausgegeben – in Kooperation mit dem Kulturreferat für Russlanddeutsche (Bayern) mit Unterstützung des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales. Demnächst sollen weitere Publikationen von Dominik Hollmann erscheinen: „Es kämpft ein Volk für seine Menschenrechte. Briefe und Tagebuchaufzeichnungen über die rechtlose Lage der Russlanddeutschen in der UdSSR in den Jahren 1957-1990“ sowie die vierte Auflage des Gedichtbandes „Ich schenk Dir, Heimat, meine Lieder“.

 

Teilnahmsvolle Beteiligung

Vor Kurzem las ich in einem Text, jemand hätte sich „am Winterkrieg beteiligt“, und wieder einmal stellte ich mir die Frage, ob es gerechtfertigt ist, das über einen einfachen Soldaten zu sagen. Ich denke, nein, denn eine Beteiligung ist zwar auch laut Duden das „Teilnehmen“, aber gleichzeitig eine „Mitwirkung“, und genau das ist meines Erachtens der springende Punkt. Der Unterschied besteht im Grad der Aktivität. Die Soldaten haben in der Regel nur am Krieg teilgenommen, während die Kriegsbeteiligten diejenigen Mächte waren, die sich jeweils feindlich gegenüberstanden.

Betrachtet man das Ganze von einer friedlicheren Perspektive aus, so sind die Teilnehmer einer Veranstaltung durchaus auch im Publikum zu finden, während die Beteiligten die Mitwirkenden und die Organisatoren sind. Deshalb können Teilnehmer durchaus auch einmal „unbeteiligt“ dreinschauen.Continue reading →

Vorsicht vor falschen Freunden!

Diese Warnung, die man Kindern bereits beim Eintritt ins Kindergarten- oder spätestens ins Schulalter mit auf den Weg gibt, verliert für einen Übersetzer auch im späteren Leben nicht an Brisanz, obwohl  sie dann eine gänzlich andere Bedeutung hat.

Mit dem Begriff „falsche Freunde“ werden in der Sprachwissenschaft nämlich Worte bezeichnet, die es in einem bestimmten Sprachenpaar (für unsere Zwecke also Russisch-Deutsch) in beiden Sprachen gibt, die sich aber in ihrer Bedeutung, Grammatik, Rechtschreibung oder stilistischen Verwendung unterscheiden. Klassische Beispiele dafür sind die russischen Wörter „aкадемик“ und „институт“, die hier bereits an anderer Stelle thematisiert wurden.

Zum Problem der falschen Freunde wurden inzwischen komplette Wörterbücher herausgegeben und viele linguistische Abhandlungen geschrieben, die jeweils den Rahmen dieses Beitrags sprengen würden. Dennoch möchte ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, dazu aufrufen, bevor Sie ein Wort im Deutschen verwenden, das Ihnen aus dem Russischen bekannt ist, genau darüber nachzudenken (oder nachzuschlagen), ob die Bedeutung identisch ist. Erinnern Sie sich nur einmal daran, welch unterschiedliche Erscheinungen durch „конкурс“ (ein Wettbewerb oder eine Ausschreibung) und „Konkurs“ (ein Bankrott) bezeichnet werden!Continue reading →

Theater- und Autorenseminar bzw. Symposium in Detmold

Der Literaturkreis der Deutschen aus Russland e. V. und das Kulturreferat für die Russlanddeutschen veranstalten vom 11. bis 13. Oktober 2019 ein Theater- und Autorenseminar bzw. -symposium in Detmold. Das Ziel ist es, Autorinnen und Autoren russlanddeutscher Herkunft, die Grundlagen des szenischen Schreibens zu vermitteln.

Unter den Werken der russlanddeutschen Autorinnen und Autoren der letzten Jahre findet man viel Kurzprosa und lyrische Werke. Größere, von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommene und gelungene Formen wie Theaterstücke und Romane sind eher eine Seltenheit. Im geplanten Workshop wird auf die Besonderheiten des szenischen Schreibens in einem Theaterstück eingegangen. Wie ist ein Theaterstück aufgebaut? Wie erzeugt man Spannung? Was versteht man genau unter Dramaturgie? Und inwieweit sind die Techniken des Theaters für das Schreiben eines Romans nutzbar? Russlanddeutsche Schreibtalente werden von einem erfahrenen Seminarleiter vom Landestheater Detmold geschult.

Am 11. Oktober ist zudem eine Autorenlesung mit Eleonora Hummel im Landestheater Detmold geplant. Sie wird ihr neues Buch „Die Wandelbaren“ vorstellen.

Die Teilnehmerzahl für diesen Workshop ist auf 30 begrenzt. Stilsichere Beherrschung der deutschen Sprache ist für die Teilnahme wünschenswert.

Eine Teilnahmegebühr wird nicht erhoben. Die Unterbringungskosten sowie die Kosten für die Hauptmahlzeiten werden von den Veranstaltern übernommen. Die Unterbringung erfolgt in Zweibettzimmern in einem Freizeitheim in Horn-Bad Meinberg (ein Vorort von Detmold).

Die An- und Abreisekosten können bei dieser Maßnahme nicht übernommen werden!

Anmeldeschluss ist am 15. September. Formlose Anmeldung bitte per E-Mail: artur.boepple@arcor.de

Die Entscheidung über die Seminarteilnahme erfolgt voraussichtlich innerhalb einer Woche, spätestens jedoch bis zum 30. September. Die Teilnehmer werden per E-Mail informiert. Die Anmeldung ist verbindlich, bei Nichtabmeldung behalten sich die Veranstalter vor, die angefallenen Kosten zurückzufordern. Die Abmeldung muss spätestens eine Woche vor Beginn des Seminars erfolgen.

Das Projekt wird durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert.

 

 

Ausschreibung für den deutschsprachigen Almanach (Anthologie) 2020

Wir schreiben gemeinsam mit dem Bayerischen Kulturzentrum der Deutschen aus Russland (BKDR) den nächsten Literaturalmanach (2020) aus. Diesen Sammelband möchten wir der bekannten russlanddeutschen Autorin Nora Pfeffer anlässlich ihres 100. Geburtstags widmen (würde sie noch leben, würde sie am 31.12.2019 einhundert Jahre alt werden).   

Voraussichtlicher Titel des Buches:

Fremd unter seinesgleichen

Einsendeschluss: 30.11.2019

Wir sammeln Beiträge aller Art: Prosa, Gedichte, Essays, Rezensionen, Interviews, Nachdichtungen, kulturgeschichtliche Beiträge in deutscher Sprache und ebenfalls Bilder von Künstlern (Bilder bitte im jpg- oder tiff-Format zusenden).

Das Thema der Beiträge kann zwar grundsätzlich frei gewählt werden, es wäre jedoch wünschenswert, wenn sie die Themenschwerpunkte wie Fremdsein, Integration, Migration, Vertreibung aufgreifen und sich unter anderem mit der Identitätsfindung in der neuen Heimat befassen. Wünschenswert sind ebenfalls Übersetzungen von Nora Pfeffer aus dem Russischen, unveröffentlichte Texte von ihr oder einfach nur persönliche Erinnerungen an die Autorin.

Teilnahmebedingungen:Continue reading →

Der Tragödie zweiter Teil

Der Titel lässt es erahnen, liebe Leserinnen und Leser, es ist noch nicht vorbei! Das Thema des letzten Beitrags ist noch nicht vollständig abgehandelt. Alles, was ich dort zu Namen von Personen gesagt hatte, bezieht sich nämlich ebenso auf andere Eigennamen und Bezeichnungen (unter anderem in der Welt des Theaters, doch dazu später mehr).

So werden beispielsweise Ortsnamen im weitesten Sinne, sogenannte Toponyme, ebenfalls in der Regel nicht übersetzt, aber sehr wohl an die Zielkultur angepasst. Auch hierfür sollte maßgeblich sein, welche Form die im entsprechenden Sprachraum verwendete ist. Natürlich kann man New York bei einer Übersetzung aus dem Russischen nicht einfach als „Nju-Jork“ transkribieren. Das italienische „Milano“ ist Muttersprachlern des Russischen in Anlehnung an die lombardische Bezeichnung als „Милан“ bekannt, auf Deutsch muss es jedoch „Mailand“ heißen.

Grundsätzlich ist auch in diesem Bereich zu beobachten, dass sich das Russische wesentlich häufiger einer phonetischen Umschrift des Originalnamens bedient, während das Deutsche oft eigene Bezeichnungen verwendet. So ist für die polnische Hauptstadt der Name „Warschau“ deutschen Muttersprachlern wesentlich vertrauter als „Warszawa“, weshalb hier eine reine Anpassung der Schreibweise bei der Übersetzung aus dem Russischen ebenfalls nicht zielführend wäre.Continue reading →

Namen sind Schall und Rauch?

Ich gebe es offen zu, selbst das vermeintlich „einfache“ Korrekturlesen stellt für den Korrektor mitunter eine Herausforderung dar. So erging es mir bei einem Text über Komponisten, der ursprünglich auf Russisch verfasst worden war und in dessen deutscher Übersetzung ich Namen las wie „D. Verdi“ und „D. Puccini“. Nanu? Hießen diese beiden nicht Giuseppe und Giaccomo? Und lernt man nicht in einer der ersten Schulstunden im Fremdsprachenunterricht, dass Namen nicht übersetzt werden? Oder handelte es sich in meinem Text vielleicht um zwei Herren, von denen ich noch nie etwas gehört hatte und deren Vornamen tatsächlich mit einem D begannen? Nein, die kurz darauf zitierten Operntitel zeigten mir, dass mein erster Gedanke tatsächlich richtig gewesen war. Was war also passiert? Ganz einfach: Derjenige, der sich an der Übersetzung des Textes aus dem Russischen versucht hatte, hatte einfach die kyrillische Schreibweise von Джузеппе und Джакомо gedanklich wieder ins Deutsche transliteriert, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass ihre Namen aus dem Italienischen stammen.

Das ist nämlich der Haken an der Geschichte: Während im Russischen inzwischen alle Namen aus Sprachen mit anderen Alphabeten konsequent phonetisch transkribiert werden (was einem bei der richtigen Aussprache erheblich weiterhelfen kann), muss aber bei der Übersetzung in eine Sprache, die ihr Originalalphabet verwendet, auch wieder die Originalschreibweise benutzt werden, damit keine Missverständnisse auftreten. So muss Beethoven bei der „Rückübersetzung“ aus dem Russischen beispielsweise auch sein zweites „e“ zurückbekommen, das in der kyrillischen Version weggefallen war.Continue reading →

Personalunion – ja oder nein?

In einem der vorigen Beiträge habe ich schon einmal die Frage gestellt: „Singular oder Plural?“ Dabei ging es unter anderem um Attribute, die, je nachdem, ob ihnen ein Artikel vorangestellt wurde oder nicht, gemeinsame oder unterscheidende Eigenschaften bezeichnen. Der Gebrauch von Artikeln bereitet Nichtmuttersprachlern des Deutschen immer wieder Schwierigkeiten. Deshalb werde ich das Problem nach und nach aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten, und weil wir schon bei der Frage nach Ein- oder Mehrzahl waren, soll es damit auch gleich weitergehen.

Neulich fragte mich eine Freundin meiner Mutter: „Wie geht es denn deiner Mutter und meiner Freundin?“, und, da die Possessivpronomina semantisch den bestimmten Artikel mitbeinhalten, war mein erster Impuls zu überlegen, warum sie sich nach zwei unterschiedlichen Personen erkundigt, bis ich begriff, dass sie eigentlich meinte: „Wie geht es denn deiner Mutter, meiner Freundin?“Continue reading →

Im Namen des Vaters

Zugegeben, diese Überschrift mag etwas ketzerisch klingen, wenn man bedenkt, welche sprachliche Erscheinung sich dahinter verbirgt. Allerdings muss ich Muttersprachlern des Deutschen immer wieder erklären, was ein Vatersname überhaupt ist und dass es sich dabei weder um den Geburtsnamen der jeweiligen Person im Sinne des deutschen Namensrechts noch (wie Polizei und Gerichte gern vermuten) um eine „Alias-Identität“ handelt. Auch in Übersetzungen sehe ich häufig, dass die Übertragung dieses Phänomens Schwierigkeiten bereitet, und deshalb soll es hier nicht unerwähnt bleiben.

Natürlich kennt nicht nur das Russische den Vatersnamen, er kommt ebenso in anderen slawischen Sprachen und vielen weiteren Sprachfamilien vor. Im Deutschen findet man zwar noch Familiennamen, die sich auf Vatersnamen zurückführen lassen, jedoch sind diese in ihrer ursprünglichen Form heute nicht mehr gebräuchlich und daher weitgehend in Vergessenheit geraten. Das ist wohl auch der Grund für die ständigen Irritationen bei der Übertragung. So habe ich schon Varianten gesehen wie „Michail v. Juri Lermontow“, die im Deutschen gänzlich in die Irre führen und keinesfalls zu tolerieren sind.Continue reading →

Auf der Suche nach einem verlorenen Schatz – Zum Roman „Die Insel der Fünfer-Bande“ von Max Schatz

Max Schatz  wurde 1981 in der russischen Stadt Tscheljabinsk geboren und kam im Alter von elf Jahren nach Deutschland, wo er nun in Bayern lebt. Nach der Fachhochschulreife 2003 studierte er Elektro- und Informationstechnik in Nürnberg.  Bereits mit zehn Jahren startete er seine ersten Schreibversuche. In seinen ersten Jahren in Deutschland schrieb er einen Roman, in dem er anhand fiktiver Ereignisse seine Kindheit im Südural thematisierte sowie diese Jahre in Deutschland und die Versuche, sich an diese für ihn neue Welt anzupassen, was nicht so einfach war.

In einem Verlag im sibirischen Nowokusnezk, der einen Wettbewerb für Autoren ausgerufen hatte, erschien vor kurzem nun sein erster Abenteuerroman „Die Insel der Fünfer-Bande“ auf Russisch, der nach Angaben des Autors nichts Autobiografisches hat. Max Schatz hatte jedoch einen Teil seiner Kindheit in der Stadt Schitiqara verbracht, dort hatte er auch begonnen über die Abenteuer der fünf Viertklässler zu schreiben. Im Buch starten sie genau von dieser Stadt in Kasachstan aus eine Schatzsuche und finden nach langer Suche in einer Hölle zwei Kisten mit Schätzen aus der Zeit des Batu Khan, die sie zu Millionären machen. Nun haben sie die Möglichkeit, ihren Traum von einer eigenen Insel in einem See zu verwirklichen, ein Haus nach ihrem Geschmack darauf bauen zu lassen und weitere Abenteuer zu erleben. Einer der Helden namens Boris erblickt ein UFO, und es kommt zum freundschaftlichen Kontakt mit einem Außerirdischen vom Planeten Sons.

Der Kontakt zu irdischen Jungs aus einem Dorf am Ufer des Sees klappt dagegen weniger gut. Mit ihrem Anführer Philipp spionieren sie die Fünfer-Bande aus, okkupieren ihre Privatinsel „Vera“ bis zu den nächsten Ferien. Continue reading →