Sind Einheiten wirklich einerlei?

Das Erste, das uns unser Physiklehrer, ein Urberliner vom alten Schlage, in der 6. Klasse über Geschwindigkeit beibrachte, war die Tatsache, dass die Bezeichnung „Stundenkilometer“, die einem auf den ersten Blick völlig normal erscheint, weil sie sich über viele Jahrzehnte eingebürgert hat, physikalisch falsch ist. Schließlich suggeriert sie, dass die Stunden als Einheit mit den Kilometern multipliziert werden, was natürlich nicht der Fall ist. Korrekt heißt es nach wie vor „Kilometer pro Stunde“, und die entsprechende Einheit wird auch als Bruch geschrieben: „km/h“. Anders verhält es sich bei der Kilowattstunde, deren Symbol „kWh“ tatsächlich ein mathematisches Produkt ausdrückt, denn hier wird wirklich die Einheit Watt (oder in diesem Fall Kilowatt) für die Leistung mit der Zeiteinheit multipliziert. Deshalb ist die im Russischen häufig anzutreffende Schreibweise „кВт/ч“ genauso falsch wie die Bezeichnung „Stundenkilometer“ im ersten Beispiel. Richtig wäre an dieser Stelle ausschließlich „кВт⋅ч“.


Das ist jedoch nicht der einzige Stolperstein, der sich beim Gebrauch physikalischer Einheiten in der allgemeinen Sprache auftut.
So sah ich kürzlich auf einem Spaziergang ein Schild, das mich stutzen ließ. Es befand sich auf der Straße vor einer Schule und bat: „Bitte 7 h – 8 h für Eltern freihalten“. Mein erster Gedanke war: „Warum denn so lange? Sind sieben oder acht Stunden nicht etwas übertrieben?“ In Wirklichkeit aber handelte es sich um eine sogenannte Elternhaltestelle, also Parkbuchten, die extra dazu angelegt worden waren, Eltern die Möglichkeit zu geben, ihre Sprösslinge bis zum Schuleingang zu chauffieren, und die daher allmorgendlich von 7.00 Uhr bis 8.00 Uhr freigehalten werden sollten.


Im Russischen wäre dieses Ansinnen zumindest von der Einheit her kein Problem gewesen. Sie würde in jedem Fall mit „ч.“ für „час/часа/часов“ abgekürzt werden, unabhängig davon, ob es sich um einen Zeitpunkt oder die Dauer handelt. Immerhin würde hier eine Präposition Abhilfe schaffen. Im Deutschen hingegen wird die Dauer in Stunden angegeben, ein Zeitpunkt jedoch mit „Uhr“. Die Einheit „h“ kommt vom lateinischen „hora“, also „Stunde“, und darf laut dem Duden nur für eine Zeitdauer verwendet werden. Während man sich also um „19:30 Uhr“ oder „19.30 Uhr“ treffen kann, deutet die Schreibweise „19 h 30 min“ darauf hin, dass etwas 19 Stunden und 30 Minuten lang gedauert hat.


Vorsicht geboten ist übrigens inzwischen auch bei der Verwendung von Punkten. Ist die Schreibweise damit bei der Uhrzeit noch dudenkonform, schwappt in letzter Zeit zunehmend der sogenannte Dezimalpunkt aus dem englischsprachigen Raum zu uns herüber. Dort ersetzt nämlich der Punkt das Komma, während Tausenderstellen im Gegensatz zum deutschen Sprachgebrauch mit einem Komma abgetrennt werden. Gerade bei der Übertragung statistischer Werte von einer Sprache in eine andere ist also äußerste Vorsicht geboten, denn es ist schon ein Unterschied, ob man an der Tankstelle (zugegebenermaßen fiktive) 365,287 Euro bezahlen muss oder 365.287 Euro auf seinem Konto sein Eigen nennt!

Carola Jürchott
www.lust-auf-geschichten.de

Kennen Sie Karfiol?

Regierungskrisen in Österreich kann man sich von Deutschland aus zugegebenermaßen mit einer gewissen Gelassenheit ansehen. Für mich aber hatte die bisher letzte ihrer Art durchaus interessante Züge, hat sie doch bei mir zu einigem Erkenntnisgewinn auf sprachlicher Ebene beigetragen.
Natürlich weiß ich seit meinem ersten Aufenthalt in der Alpenrepublik vor mehr als 30 Jahren, dass Schlagsahne dort „Schlagobers“ heißt und Blumenkohl „Karfiol“. Schließlich hatte ich bei meinem ersten Blick in eine österreichische Speisekarte das unvergessliche Gefühl, in diesem Fall auch für das Deutsche ein Wörterbuch zu brauchen. (Für alle Liebhaber der Lexikografie: Es gibt tatsächlich ein Wörterbuch Österreichisch-Deutsch.)

Natürlich kann man sich die Bedeutung des „Erdapfels“ im Zweifelsfall erschließen. Schwieriger wird es da schon bei der Tomate, die in Österreich „Paradeiser“ heißt, und spätestens, wenn man in einem Kaffeehaus ein Heißgetränk bestellen möchte, ist man als „Piefke“, wie eingefleischte Österreicher uns Deutsche auch schon einmal ironisch oder abschätzig nennen, geneigt, angesichts der Fülle der „Schwarzen“, „Braunen“, „Einspänner“, „Kapuziner“ und „Verlängerten“ die Waffen zu strecken.

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Dativ oder Genitiv – wer ist wessen Tod?

Der Titel der bekannten Buchreihe, demzufolge der Dativ dem Genitiv nach dem Leben trachtet, ist sicher jedem sprachlich Interessierten geläufig. Doch besteht diese „Lebensgefahr“ wirklich nur für den Genitiv, oder ist es nicht manchmal auch umgekehrt? Aufschluss bietet in dieser Frage ein grammatikalischer Fehler, der interessanterweise Muttersprachlern sowohl des Deutschen als auch des Russischen immer wieder unterläuft – jedem in seiner Sprache.
Wie man im Russischen immer wieder hört und leider auch liest, dass nach „согласно“ ein Genitiv angeschlossen wird („согласно чего?“), sehen sich auch im Deutschen viele bemüßigt, sowohl nach der Präposition „entsprechend“ als auch nach „laut“ bei einem Maskulinum oder einem Neutrum mit einem „des“ fortzufahren. (Bei femininen Substantiven stellt sich die Frage zumindest im Singular nicht, weil der Artikel in beiden Fällen – Genitiv und Dativ – „der“ lautet.)

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Wenn Demonstratives zu demonstrativ wird

Demonstrationen entsprechen dem Zeitgeist – daran besteht kein Zweifel, und natürlich macht der Zeitgeist auch vor der Sprache nicht halt. Dennoch ist es hier wie so oft im Leben: Zu viel des Guten kann leicht ins Gegenteil umschlagen. Und auch wenn es in diesem Blog natürlich in allererster Linie um die geschriebene Sprache geht, möchte ich heute gern ein Phänomen aufgreifen, das in der gesprochenen Sprache der Medien, also in Funk und Fernsehen, immer stärker um sich greift.
Die Demonstrativpronomina des Deutschen sind hinlänglich bekannt: „dieses“ und „jenes“ in all ihren Formen. Mit einer bestimmten Betonung können aber auch andere Wortarten in der Kommunikation ihre Funktion übernehmen, zum Beispiel bestimmte Artikel oder Adverbien. Möchte man eine solche Verwendung in der Schriftsprache kenntlich machen, bleibt einem häufig nichts anderes übrig, als sie eindeutig zu markieren, entweder verbal:
„Du willst die Bluse anziehen?“, fragte sie entsetzt.
oder typografisch:
„Du willst DIE Bluse anziehen?“

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Prozente, Prozente

Keine Angst, liebe Leserinnen und Leser – so reißerisch, wie der Titel es vermuten lassen könnte, wird dieser Beitrag ganz bestimmt nicht. Vielmehr geht es wieder einmal um Mathematik im weitesten Sinne, und zwar in diesem Fall um die Besonderheiten der Prozentrechnung im Russischen und im Deutschen. Den ersten Unterschied bieten einem bereits einschlägige Wörterbücher. Während man im Deutschen nur Prozente bekommt, wenn man eine Provision bezieht oder einen Rabatt aushandelt, haben die russischen проценты ein weitaus größeres Betätigungsfeld. Sie treten sowohl als rein mathematische Größe auf, die wahrscheinlich auf der ganzen Welt dieselbe Bedeutung hat – nämlich „von Hundert“ -, können aber auch Zinsen, einen Zinssatz, eine Verzinsung oder eine Rendite bedeuten.
Bei all diesen Bedeutungen hilft einem im Zweifel ein gutes Wirtschaftswörterbuch, man sollte nur wissen, wonach man suchen muss und dass „проценты“ eben nicht immer „Prozente“ sind.

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Lasst uns froh und munter sein

Nein, liebe Leserinnen und Leser, mit der Überschrift dieses Blogbeitrags habe ich mich nicht in der Jahreszeit geirrt, und ich habe auch nicht vor, den Supermärkten nachzueifern, in denen es schon seit Ende August wieder Lebkuchen zu kaufen gibt. Mir geht es heute um ein Phänomen, dass aus dem zitierten Liedtext nur teilweise ersichtlich wird – und zwar „teilweise“ im wahrsten Sinne des Wortes -, denn hier wurde die Konstruktion „lasst uns“ völlig richtig gebraucht.
Folgt darauf ein nicht reflexives Verb, stellt diese Art der Aufforderung auch kein Problem dar. Anders verhält es sich jedoch bei reflexiven Verben. Wie es in diesem Blog bereits an anderer Stelle thematisiert wurde, muss im Deutschen das Reflexivpronomen jeweils der grammatischen Person des Verbs angepasst werden. Wird also „sich treffen“ in der ersten Person Plural verwendet, muss es natürlich heißen „wir treffen uns“. Was passiert aber, wenn diese Konstruktion mit der Aufforderung „lass(t) uns …“ in Einklang gebracht werden soll? Dann steht das Wörtchen „uns“ auf einmal zweimal in dem jeweiligen Satz. Kann man es deshalb – wie es etwa bei gemeinen Brüchen in der Mathematik üblich ist – sozusagen „herauskürzen“?

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Der Nominativ ist aller anderen Fälle Tod

Zu diesem, einem bekannten Buchtitel entlehnten, Schluss könnte man kommen, wenn man ein wenig den Gesprächen an der Supermarktkasse oder unter Schülern lauscht.
„Wie viel kostet das?“
„Ein Euro achtundvierzig.“
Warum „ein Euro“ und nicht „einen Euro“? Was ist aus dem guten alten Akkusativ geworden?
„Bei wem habt ihr Mathe?“
„Bei Herr Müller.“
Nanu? Seit wann verlangt denn die Präposition „bei“ keinen Dativ mehr? Oder ist der Dativ von „Herr“ inzwischen nicht mehr „Herrn“? Weit gefehlt – zumindest laut dem guten alten Duden.
Auch dem Genitiv geht es nicht besser. So findet man auf der Webseite einer Gesamtschule die höchst fragwürdige Überschrift: „Herr Müller’s Abschied“. Abgesehen vom Apostroph, über dessen Überflüssigkeit in einer solchen Formulierung an dieser Stelle und anderenorts schon vieles geschrieben wurde, ist hier wohl nicht einmal den Deutschlehrern der entsprechenden Schule aufgefallen, dass es nur eine Möglichkeit gibt, Herrn Müllers Abschied sprachlich korrekt zu begehen.

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Sind Orte geschlechtslos?

Geht man vom Russischen aus, ist die Antwort natürlich ein klares Nein, weil man da ja in der Regel schon an der Endung sieht, wie sich ein Substantiv in allen Fällen (im wahrsten Sinne des Wortes) grammatisch verhält.
Wie ist es aber im Deutschen? Hier ist das grammatische Geschlecht meist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. „Berlin“ und „Moskau“ sind im Russischen zwar unterschiedlichen Geschlechts, im Deutschen aber erschließt sich die Antwort auf diese Frage nur, wenn man statt der üblichen Präposition „in“, die keinen Artikel erfordert, einen Artikel und ein Attribut davorstellt: „das alte Berlin“, „ins ferne Moskau“. Sie sind also beide sächlich – wie in der Regel alle anderen Städtenamen auch. Besonders eindeutig zu sehen ist das natürlich bei Kurorten, die ein „Bad“ vor dem eigentlichen Namen haben, denn bei „Bad Berka“ oder „Bad Schandau“ ist ja bereits der erste Namensbestandteil ausschlaggebend und auch sächlich.

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Gleichrangig oder nicht?

Mit Korrekturen ist es so eine Sache. Wenn sie berechtigt sind, sind sie natürlich sehr hilfreich und bringen ein Werk voran, weshalb die Frage in der Überschrift auch keinesfalls auf eine Hierarchie zwischen den an der Entstehung eines Textes beteiligten Personen hindeuten soll. Dennoch sind auch Korrektoren nur Menschen und daher nicht unfehlbar. Dessen sollten sich beide Seiten – Korrektor und Autor – stets bewusst sein und, wenn sie sich nicht hundertprozentig sicher sind, lieber einmal zu viel als einmal zu wenig nachschlagen.


Genau so erging es mir kürzlich, als ich einen von mir übersetzten literarischen Text korrigiert zurückbekam. Bei der Durchsicht der Korrekturen stellte ich fest, dass sich ein großer Teil von ihnen auf die Kommasetzung zwischen zwei Adjektiven bezog. So war aus meiner Formulierung „sein glänzendes perlweißes Fell“ nun „sein glänzendes, perlweißes Fell“ geworden und aus einem „dünnen blutroten Streifen“ ein „dünner, blutroter Streifen“.
Sollte ich mich so getäuscht haben? Ich hätte schwören können, dass zwischen zwei Attributen nur dann ein Komma gesetzt wird, wenn es sich um gleichrangige Adjektive handelt, zwischen denen ebenso gut ein „und“ stehen könnte.

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Stark oder schwach – das ist hier die Frage

Dass ein Wort verschiedene Bedeutungen haben kann, ist keine Neuigkeit, und dass man diese Erscheinung „Polysemie“ nennt, ist ebenfalls bekannt. Genauso verhält es sich mit der Homonymie, einer Erscheinung, bei der mehrere Wörter gleich klingen und meist auch gleich geschrieben werden, aber eine unterschiedliche Bedeutung haben. Normalerweise kennt man diese Wörter und verwendet sie so, wie es für den jeweiligen kommunikativen Zweck erforderlich ist.


Schwierig wird es nur, wenn man sich des Unterschiedes zwischen beiden Erscheinungen nicht bewusst ist und sie deshalb verwechselt. Ein Wort, bei dem das im Deutschen auch Muttersprachlern besonders häufig passiert, ist das Verb „hängen“. Hier gehen viele Menschen davon aus, dass es sich um eine Polysemie handelt, die sowohl den Zustand („Das Bild hängt am Haken.“) als auch den Vorgang („Ich hänge die Schlittschuhe an den Nagel.“) bedeuten kann.

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