Elli Unruh: Die Fragen stellte Artur Rosenstern.
Elli Unruh, 1987 in Georgijewka (Kasachstan) geboren, wuchs in Süddeutschland auf. Nach ihrem Studium zur Bibliothekarin arbeitet sie im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Am 1. September 2025 erschien ihr erster Roman im Berliner Transit Verlag, der im März 2026 für den Preis der Leipziger Buchmesse (LBM) nominiert wurde. Für die Fertigstellung erhielt sie eine Förderung der Kunststiftung Baden-Württemberg sowie des Förderkreises für Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Baden-Württemberg. Sie lebt mit ihrer Familie in Stuttgart.

Artur Rosenstern: Liebe Elli, du bist in Kasachstan geboren. In welchem Alter bist du nach Deutschland gekommen und hast du aktuell noch Bezug zu deinem Herkunftsland? Vielleicht über Freunde oder Verwandtschaft?
Elli Unruh: Meine Eltern sind kurz vor meinem ersten Geburtstag ausgewandert. Ich habe also, im Gegensatz zu meinen älteren Geschwistern, keine Erinnerungen. Mit der Ankunft in Deutschland schien das Kapitel „Kasachstan“ zudem abgeschlossen. Weder haben wir Verwandte dort, noch gab es in meiner Familie den Wunsch, einmal auf Besuch zurückzukehren; zumindest habe ich diesen Wunsch nie wahrgenommen. Gerade als Kind schien es mir, als gäbe es diesen Ort gar nicht mehr, als sei er in der Vergangenheit verschwunden. Erst in den letzten Jahren haben Verwandte, meist die Generation meiner Eltern, ihre Urlaube dort verbracht. Sie schicken Fotos von den Straßen, vom Kanal, von den Häusern, die sie teilweise noch selbst gebaut haben und von den Gräbern ihrer Eltern. Und spätestens jetzt, da das Buch erschienen ist, habe auch ich unbedingt vor, einmal diese Reise anzutreten.
Zählst du dich selbst zur sogenannten „mitgebrachten Generation“? Manche jungen Menschen deiner Generation empfinden es als ungerecht, dass sie damals keine Wahl hatten bzw. von ihren Eltern nicht gefragt wurden, ob sie ausreisen möchten.

Überhaupt nicht. Das liegt sicher daran, dass ich keine Erinnerungen an diese Entscheidungssituation habe. Doch selbst wenn, wäre mir der Gedanke, unbedingt zu bleiben, wahrscheinlich kaum gekommen. Die Erzählungen der Familie waren immer geprägt von einer Dringlichkeit, einer Eindeutigkeit, was die Entscheidung zur Auswanderung betrifft. Und die Erzählungen rund um die Ankunft in Deutschland haben kaum irgendetwas weniger als das, was ich die Aura einer vollendeten Heldenreise nennen würde.
Wann hast du beschlossen, Literatur zu machen? Gab es einen Schlüsselmoment: ein Buch, Personen oder sonstige Ereignisse?
Von einem Schlüsselmoment kann ich nicht berichten. Ich habe immer viel gelesen. Agatha Christie und Jane Austen. Als Jugendliche war ich ständig in der kleinen Mediathek in unserem Ort, dort fand ich Robert Musil und Ljudmila Ulizkaja und bekam eine Ahnung davon, was Literatur kann: Die Erhabenheit guter Sätze, die Fixierung einer komplexen Angelegenheit in Buchstaben, eine besondere Ordnung der Gedanken, wie ein Text die tiefere Bedeutung einer vorgeblich belanglosen Angelegenheit freilegen kann. Aber wozu das alles? Wenn jede Bedeutung, jede Erkenntnis letztlich doch machtlos ist gegen das Voranschreiten der Zeit? Trotz meiner Zweifel las ich weiter, aus Neugier und reiner Freude und begriff Literatur als Boje, als Momente kurzer Rast. Ich fing an, allerlei Begebenheiten zu dokumentieren und erfuhr eine gewisse Befreiung: das Schreiben als einen friedvollen Zustand zwischen Trotz und Hoffnung. Wenn ich die Zeit schon nicht aufhalten kann, will ich mich wenigstens nicht der Sprachlosigkeit darüber schuldig machen.
Wie kamst du zum Thema deines ersten Romans „Fische im Trüben“? Was ist die Message des Buches? Ein Bekanntmachen der Geschichte von den Deutschen in der UdSSR?
„ZwischenHeimaten: Autorinnen und Autoren im Gespräch“ weiterlesen









