Sprichwörtliche Zeitgenossen (1)

Sicher haben Sie, liebe Leser, schon einmal den Begriff „Bedrohte Wörter“ gehört oder gelesen. In der Sprachwissenschaft gelten diese als „archaisch“, im Duden findet man dahinter den Zusatz „veraltet“ oder, wenn dieser Prozess noch nicht abgeschlossen ist, „veraltend“. Dennoch sollte man als Autor meines Erachtens diese Wörter nicht von vornherein ad acta legen. Sie können uns immer noch sehr dabei helfen, die eigene Ausdrucksweise vielfältiger zu gestalten und möglicherweise auch fiktive Figuren durch ihren Sprachgebrauch genauer zu charakterisieren.

Manch einer dieser Begriffe kann auch schon dadurch hilfreich sein, dass er einem russischen so nahe kommt, dass man ihn trotz der etwas angestaubten Anmutung immer noch gut als deutsche Entsprechung dafür verwenden kann. Wie umständlich müsste man schließlich den „мастер на все руки“ umschreiben, wenn es den deutschen „Tausendsassa“ nicht gäbe?!

Aus diesem Grund möchte ich Ihnen hier in loser Folge, thematisch geordnet, immer wieder einmal Wörter vorstellen, Continue reading →

ALS ICH KLEIN WAR …

Aufzeichnungen zum Buch der in Bonn lebenden Autorinnen
Monika J. Mannel und Agnes Gossen
„Kindheiten in Deutschland und Russland“

Als ich klein war, war ich ziemlich verträumt. Ich hätte stundenlang auf der mit Gänseblümchen übersäten Wiese hinter unserer kleinen Lehmhütte liegen, und ziellos den tiefblauen Himmel anstarren können. Meist waren meine Träume undefinierbar, ich konnte sie nicht irgendwie zuordnen oder mit Worten beschreiben. Vor meinen Augen entstanden sagenhafte Szenen, ferne Länder und verschwommene Gesichter – ein buntes Durcheinander, ein Sammelsurium dessen, was ich in meinen Kinderbüchern gelesen und gesehen hatte. In solchen Momenten verlor ich komplett das Zeitgefühl. Irgendwann, wenn mein Traum eine besonders spannende Richtung eingeschlagen hatte, erklang die strenge, stets gereizte Stimme meiner Mutter und verscheuchte ihn. Er verzog sich und löse sich auf wie die wolkigen, märchenhaften Gestalten dort oben – ich wurde in die Realität zurückgerufen, in eine Welt, wo es keine Zeit für „uff dr faule Haut liegen“ gab. Früh wurde mein Leben von Aufgaben und Pflichten bestimmt …

In meinem Gedächtnis verbergen sich aber auch wunderschöne, unvergessliche Passagen, die den Erzählungen im Buch „Kindheiten in Deutschland und Russland“ sehr ähnlich sind. Zwei Autorinnen, Monika J. Mannel und Agnes Gossen, die sich bereits seit vielen Jahren kennen und sich gemeinsam in verschiedenen Continue reading →

Wer hat wo studiert?

Immer wieder lese ich in Lebensläufen und Kurzbiografien, jemand habe in der ehemaligen Sowjetunion am „Pädagogischen Institut“ oder einer ähnlichen Einrichtung studiert. Bei Lesern in Deutschland kann das unter Umständen zu Verwirrung führen, denn der Institutsbegriff wird hier etwas anders gehandhabt. So ist ein Institut in der Regel ein Teil einer Hochschule oder einer Universität bzw. eine eigenständige Forschungseinrichtung. An der Humboldt-Universität zu Berlin gibt es beispielsweise das Institut für Slawistik, das Institut für Theoretische Biologie etc. Hier würde man außer der Institutsangabe jedoch immer die Bezeichnung der Universität nennen, an der man studiert hat. Eigenständige Studieneinrichtungen, die dem russischen „институт“ entsprechen, werden in Deutschland eher als Hochschule bezeichnet. Deshalb würde ich diesen Begriff in den jeweiligen Lebensläufen immer vorziehen, erst recht, weil es in Deutschland durchaus auch Pädagogische Hochschulen gibt. (Zwar gab es in der DDR auch das Institut für Lehrerbildung, jedoch war das ein feststehender Begriff für die Ausbildung von Grundschullehrern.) Der besseren Lesbarkeit halber würde ich übrigens den Städtenamen immer undekliniert ans Ende der Bezeichnung setzten, wenn es sich nicht um Universitäten handelt, die bereits einen im Deutschen etablierten Namen haben wie die Moskauer Lomonossow-Universität.Continue reading →

„Und zur Nähe wird die Ferne“ – Der Literaturalmanach der Deutschen aus Russland (eine Rezension von Nina Schein)

Eigentlich sollte es eine schnelle Sache werden: In das Inhaltsverzeichnis und die Autorenbiografien reinschauen, Buch durchblättern, kurze Annonce für „Volk auf dem Weg“ schreiben. Beim „Durchblättern“ bin ich dann doch hängengeblieben und den neuen Almanach 2017 / 2018 des Literaturkreises der Deutschen aus Russland „Und zur Nähe wird die Ferne“ bis zur letzten Seite gelesen. Dabei habe ich so manchen Autor(in) um den ausgereiften und kreativen sprachlichen Ausdruck beneidet, war von der thematischen Vielfalt angetan, musste hin und wieder zum Taschentuch greifen und eine Nachdenkpause einlegen. Alles in einem eine aufschlussreiche, vielschichtige und berührende Lektüre. Und jeder Beitrag wird dem Motto „Und zur Nähe wird die Ferne“ in unterschiedlicher Art und Weise gerecht.

Denn gerade die russlanddeutschen Autoren, die die Erfahrung der Entwurzelung, des Fremdseins in der Heimat und der Identitätssuche in der Fremde aus der eigenen Biografie oder den Erzählungen der Eltern und Großeltern kennen, dürften den Gedanken von Theodor Fontane „Und zur Fremde wird die Heimat, / Und zur Nähe wird die Ferne.“, der dem Almanach den Titel gibt, in besonderem Maße verinnerlicht haben. So gesehen, ist der Almanach auch eine Lektüre, die gleichzeitig einen tieferen Einblick in die Seele eines Russlanddeutschen (DORT wie HIER) gewährt und begreiflich macht, was es mit dem Titel „Und zur Nähe wird die Ferne“ auf sich hat – auch wenn unter die Autoren mit russlanddeutschen Wurzeln der eine oder der andere Einheimische sehr zum Vorteil der Publikation gemischt hat. Continue reading →

Bezüge über Bezüge

Leser, die diesen Blog regelmäßig verfolgen, mögen sich über die Überschrift wundern, denn um Bezüge ging es hier schon einmal. Da dieses Problem aber ein Dauerbrenner und – ich gebe es offen zu – auch ein ständiges Ärgernis beim Verfolgen von Berichten in Presse, Funk und Fernsehen ist, habe ich beschlossen, die prägnantesten „Ausrutscher“ zu sammeln und hier immer mal wieder zu thematisieren.

So war zum Beispiel kürzlich in einem dpa-Bericht Folgendes zu lesen: „Damit sie Früchte tragen, sollten Gärtner die Blütenstände nach dem ersten Verblühen zurückschneiden.“ Ganz ehrlich: Ich würde zu gern einmal sehen, wie es aussieht, wenn Gärtner Früchte tragen. Hier greift wieder die Regel, dass sich das „sie“ auf das ihm am nächsten stehende Substantiv derselben Person und desselben Numerus bezieht, also in diesem Fall auf die Gärtner. Natürlich könnte man einwenden, das sei nun wirklich Erbsenzählerei und ergebe sich aus dem Kontext, aber grammatisch korrekt ist es dennoch nicht. Hier wäre es sinnvoll gewesen, die Satzglieder umzustellen: „Die Gärtner sollten die Blütenstände nach dem ersten Verblühen zurückschneiden, damit sie Früchte tragen.“  Ein weit unschöneres Bild drängt sich bei einem Satz auf, der im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu hören war: „Fast dreizehn Millionen Thais haben von ihrem Monarchen Abschied genommen, aufgebahrt im Palast in Bangkok.“ Continue reading →

Republik und Vaterland

Keine Sorge, liebe Leserinnen und Leser, auch wenn die Überschrift diesmal recht patriotisch daherkommt, geht es hier weiterhin um sprachliche Fragen, und zwar wieder einmal um Feinheiten, denn auch ganz dünne Schlingen können sich als genau das herausstellen, was man beim Schreiben eigentlich vermeiden möchte, nämlich Fallstricke. Besonders gemeine „Fallensteller“ sind die so genannten Falschen Freunde. Damit werden in der Sprachwissenschaft Wortpaare (oder auch Wortfügungen) bezeichnet, die einander in unterschiedlichen Sprachen stark ähneln, letztlich aber doch Bedeutungsunterschiede aufweisen. Diese Differenzen können sämtliche Bedeutungen und Verwendungsweisen der betreffenden Wörter umfassen oder einzelne Teile davon. Da im Spannungsfeld zwischen dem Russischen und dem Deutschen eine Unmenge dieser Falschen Freunde lauert, werden sie uns an dieser Stelle sicher noch öfter beschäftigen.

Wie gesagt, manchmal sind es nur kleine Teile eines lexikalischen Universums, in denen sich die Fallstricke verbergen. So sind die Wörter „Republik“ und „Vaterland“ im Deutschen praktisch gleichbedeutend mit „республика“ und „отечество“ und werden auch im selben Kontext verwendet. Anders verhält es sich jedoch mit den dazugehörigen Adjektiven. Continue reading →

Almanach 2017/18 mit dem Titel „Und zur Nähe wird die Ferne“ ist erschienen

Artur Böpple (Hg.)

Und zur Nähe wird die Ferne

Almanach 2017/2018

ISBN 978-3-947270-03-3

Softcover, 14,8 x 21 cm, 332 Seiten, Preis: 14,90 €

Im Wahljahr 2017, in dem wohl kaum eine Woche verging, ohne dass ein kritischer Artikel in einer der überregionalen deutschen Zeitungen zum Thema „Russlanddeutsche“ erschienen wäre, vermisste man nicht nur eine ausgewogene, vorurteilsfreie und gründlich recherchierte Berichterstattung, sondern leider auch Artikel, die sich halbwegs ausführlich mit kulturellen Errungenschaften der Deutschen aus Russland im Allgemeinen befasst hätten, geschweige denn mit ihrer Literatur. Russlanddeutsche Literaten bleiben in ihrer Mehrheit unparteiisch, was nicht zwangsläufig bedeutet, dass sie in ihren Arbeiten keinerlei Bezüge zu relevanten gesellschaftlichen Prozessen herstellen. Sie nehmen vielmehr eine aktive Beobachterrolle ein, um aus dieser heraus möglichst objektiv sowohl auf das aktuelle Geschehen zu reagieren als auch sich auf die Geschichte bzw. die Vergangenheit einzulassen. Dieser Band versammelt überwiegend Literatinnen und Literaten russlanddeutscher Abstammung, doch versteht sich traditionell als Forum für alle deutschsprachigen Autoren. Neben den bereits etablierten Autoren wie Nelli Kossko, Eleonora Hummel, Elena Seifert, Andreas Peters, Wendelin Mangold, Heinrich Rahn, Sergej Tenjatnikow, Agnes Gossen, Artur Rosenstern, Sigune Schnabel u. a. findet der Leser darin ebenfalls hochinteressante Beiträge von neuen, jungen Autoren wie Viktor Funk, Melitta L. Roth, Katharina Martin-Virolainen, Jürgen Hafner, Christine Zeides oder Dorothea Enß. Als Künstler sind in dem Band vertreten: Nikolaus Rode und Tatjana Bleich.

Zu beziehen ist das Buch unmittelbar über den ostbooks Verlag.

Tel.: 05221 – 762944

Das tückische s

Gehört es sich, einen eigentlich harmlosen Buchstaben als hinterlistig zu bezeichnen? Wahrscheinlich nicht, er kann ja nichts dafür. Dennoch könnte einem der Gedanke durchaus kommen, wenn man sieht, wie stark sich eine Bedeutung durch ihn in dem einen Fall verändern kann, während sie in anderen, vermeintlich gleich gelagerten, problemlos erhalten bleibt. Vor Kurzem las ich in einem Kommentar in den sozialen Medien als Reaktion auf ein Gewaltverbrechen folgenden Satz: „Mir tut erstmals die Familie des Opfers leid.“ Ich muss gestehen, dass ich erstmal zusammenzuckte, als ich das sah. Sollte jemand wirklich so gefühllos sein, dass er vorher noch nie Mitleid mit der Familie eines Opfers empfunden hatte?

Im nächsten Moment dämmerte es mir: Das s war schuld! Eigentlich hatte der Verfasser des Kommentars sicher sagen wollen, dass für ihn die Familie des Opfers im Vordergrund steht, er „erstmal Mitleid mit ihnen empfindet“!
In dieser Kombination ändert ein klitzekleines s nämlich alles. Während es bei „nochmal“ oder „nochmals“ völlig egal und eher Geschmackssache ist, ob man das s am Wortende stehen lässt, und es bei „abermals“, „ehemals“, „vormals“ und „einstmals“ gar keine andere Möglichkeit gibt, das Adverb zu bilden, sieht die Sache im Fall von „erstmal“ und „erstmals“ völlig anders aus.Continue reading →

Wohin mit dem Verb?

Immer wieder lese ich in Texten, die mir zur Korrektur vorgelegt werden, Sätze folgender Art:
„Das hast du aber schön gemacht!“, lächelte sie.
„Ich stimme dir vollkommen zu“, nickte er.
Vielleicht fragt sich nun der eine oder andere Leser, was daran problematisch sein könnte. Formal wurden alle Regeln eingehalten, die das Deutsche für die wörtliche Rede und ihre Einleitungssätze vorsieht. Dennoch spürt man bei diesen Beispielen sofort, dass sie wörtlich aus dem Russischen übernommen wurden, denn dort ist es ja völlig normal, Formulierungen wie „улыбнулась она“ oder „кивнул он“als Stilmittel zu verwenden.

Hier ist die Bedeutung des Verbs das Entscheidende. Im Deutschen erwartet man nach (und meist auch vor) einer wörtlichen Rede ein Verb, das eine Redehandlung oder eine ähnliche Tätigkeit beschreibt: „sagte“, „rief“, „murmelte“ usw.
Deshalb wirkt es höchst ungewöhnlich, wenn sich direkt an die wörtliche Rede ein Verb anschließt, das weder unmittelbar die Art beschreibt, wie etwas gesagt wird, noch auch nur mit Lauten verbunden ist. Selbst „lachte“ kann hier durchaus verwendet werden, da es ein Geräusch beschreibt, in dessen Verlauf durchaus eine verbale Äußerung stehen kann. Ein völlig „stilles“, oder, wenn Sie so wollen, „stummes“ Verb löst beim deutschen Leser jedoch zumindest Verwunderung aus.
Aus diesem Grund ist es sinnvoll, diese „stummen“ Verben ein wenig hintanzustellen: Continue reading →

Aus dem Nähkästchen geplaudert (2)

Im vorigen Blogeintrag habe ich bereits aus dem Nähkästchen der Übersetzer geplaudert und möchte das in dieser Woche noch ein wenig fortsetzen. Ebensolcher Aufmerksamkeit wie Realienbezeichnungen bedürfen nämlich Eigennamen und Zitate. Eigennamen wie zum Beispiel Produktbezeichnungen werden häufig nicht übersetzt, sondern einfach übernommen. So gab es in der DDR beispielsweise auch Fernseher mit den Namen „Junost“ und „Raduga“, und jeder wusste, dass die Regierungsfahrzeuge „Tschaika“ (und nicht etwa „Möwe“) hießen. Hierbei ist nur darauf zu achten, dass das grammatische Geschlecht sich unter Umständen verändern kann. So sind der Lada und der Machorka im Deutschen männlich, während die Matroschka und der Samowar ihr jeweiliges Geschlecht behalten durften. In diesen Fällen hilft einem aber meist sogar schon der Duden weiter.

Auch bei Zitaten ist es manchmal ratsam, auf Praktiken zurückzugreifen, die zum Handwerk der Übersetzer gehören. Dass es Bibelzitate in beiden Sprachen gibt, versteht sich von selbst, und deshalb sollte man sie auf keinen Fall selbst neu übersetzen. Hier muss man im Deutschen jedoch eventuell darauf achten, für wen der Text bestimmt ist, und danach die jeweils passende Bibelübersetzung auswählen. Zumindest in evangelisch geprägten Regionen ist die Luther-Übersetzung die geläufigste, während die katholische Kirche mit der Einheitsübersetzung arbeitet.Continue reading →