Gleich und gleich gesellt sich gern …

„Wenn zwei das Gleiche sagen, ist es noch lange nicht dasselbe.“

Mit diesen beiden Sprichwörtern bin ich großgeworden, und während es für das erste durchaus auch Entsprechungen in anderen Sprachen gibt (z. B. „Рыбак рыбака видит издалека.“), dürfte eine Entsprechung für das zweite wesentlich schwerer zu finden sein. Hier wird nämlich mit einer Besonderheit des Deutschen gespielt, die auch Muttersprachlern häufig Schwierigkeiten bereitet – meist, ohne dass sie sich dessen selbst bewusst sind.

Es geht um den Unterschied zwischen „dasselbe“ und „das Gleiche“. Selbst wenn wir die unterschiedliche Rechtschreibung an dieser Stelle einmal außer Acht lassen, gibt es doch einen auf den ersten Blick kleinen, aber dennoch feinen Unterschied: Während „dasselbe“ immer das eine konkrete Substantiv (sei es nun ein Gegenstand, eine Person oder ein Ort) bezeichnet, ist mit dem „Gleichen“ etwas Gleichartiges gemeint.Continue reading →

Singular oder Plural?

Man könnte meinen, es sei nichts einfacher, als diese Frage zu beantworten – schließlich sieht man ja, ob etwas einfach oder mehrfach vorhanden ist. Spätestens aber, wenn man als deutscher Muttersprachler erfährt, dass es im Russischen den Schlitten und die Brille nur im Plural gibt, stößt man bereits an die ersten Grenzen dieser Theorie. Ganz zu schweigen davon, dass im Deutschen sowohl die „Hose“ als auch die „Hosen“ einen Singular bezeichnen können – und das sogar noch vom Duden mit der Bemerkung „häufig auch im Plural mit singularischer Bedeutung“ gestattet.

Richtig schwierig wird es aber bei Substantiven in Verbindung mit Adjektiven. So musste auch ich erst lernen, dass meine korrekte Berufsbezeichnung im Russischen „переводчик русского и болгарского языков“ lautet. Als deutscher Muttersprachler würde man hier das Substantiv instinktiv in den Singular setzen.

Dennoch ist die russische Variante eine sehr schöne Möglichkeit, deutlich zu machen, dass etwas zwar gleichartig ist, aber eben doch unterschiedliche Dinge bezeichnet, und zwar in diesem Fall „die russische und die bulgarische Sprache“.Continue reading →

Augen auf bei der Partnerwahl!

Keine Angst, liebe Leserinnen und Leser, unser Sprachblog soll keineswegs zur Lebenshilfe mutieren, wie man bei der Überschrift vielleicht vermuten könnte. Es geht hier nach wie vor um sprachliche Stolpersteine bzw. vielmehr darum, wie man sie möglichst effektiv vermeiden kann. Auch das kann mitunter eine Frage der richtigen Partnerwahl sein.

In diesem Blog war bereits davon die Rede, dass bestimmte Begriffe gar nicht so spezifisch russisch oder noch eher sowjetisch waren, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. In diesem Zusammenhang habe ich bereits aus dem Nähkästchen des Übersetzers geplaudert. Kürzlich ist mir jedoch beim Lesen eines deutschlandweit bekannten und rezensierten Bestsellers aufgefallen, dass das gar nicht nur zur Debatte steht, wenn von einer Sprache in eine andere übersetzt wird, sondern auch, wenn vermeintlich nur mit einer einzigen Sprache operiert wird. „Vermeintlich“ sage ich deshalb, weil dieses Argument spätestens dann nicht mehr greift, wenn in einem einsprachigen Text verschiedene Kulturen zum Tragen kommen.Continue reading →

„Mein Leben in Deutschland begann mit einem Stück Bienenstich“

Autorenlesung und Diskussion – emotional und persönlich, konstruktiv und von Verständnis geprägt

von Nina Paulsen

„Meine Mitschüler, meine Kommilitonen und Mark waren erzogen worden, ihr Glück vom Leben einzufordern; ich war in Deutschland dazu erzogen worden, nicht aufzufallen und niemanden zu stören“, sagt der Ich-Erzähler im Viktor Funks Buch „Mein Leben in Deutschland begann mit einem Stück Bienenstich“ (Größenwahn Verlag Frankfurt/Main 2017). Eine Beschreibung, die auf die zerrissene Mentalität vieler Russlanddeutscher auf ihrer Suche nach Identität und Beheimatung genau zutrifft – in ihrer neuen Heimat Deutschland nicht anders als zuvor in der Sowjetunion. Am 22. November 2018 las der Autor auf Einladung des Nürnberger Kulturbeirats zugewanderter Deutscher, der die kulturellen Belange der deutschen Aussiedler und Vertriebenen in Nürnberg vertritt, im Zeitungs-Cafe Hermann Kesten in Nürnberg aus seinem Debütroman. Die Lesung mit dem Frankfurter Autor und Journalisten wurde in Kooperation mit dem Bildungscampus Nürnberg veranstaltet.

Moderiert wurde der Abend von Katharina Sperber, freiberufliche Autorin, Moderatorin und Kommunikationsberaterin aus Frankfurt, die das Entstehen des Buches begleitet hat und mit Viktor Funk mehrfach auf Lesungen gewesen ist – unter anderem bei den jüngsten Buchmessen in Frankfurt/Main und Leipzig. Die Veranstalter freuten sich über neue Gäste aus der Stadt und Umgebung – nicht zuletzt hatte zusätzlich zur Ankündigung des Kulturbeirats auch die kurze Buchbesprechung von Ella Schindler im „Stadtanzeiger“, die selbst Russlanddeutsche aus der Ukraine und seit Jahren Redakteurin der „Nürnberger Zeitung“ ist, Interessierte in das Zeitungs-Cafe gelockt.

Die Versammelten wurden von Dagmar Seck (Projektleiterin des Kulturbeirats zugewanderter Deutscher) und Susanne Schneehorst (Stadtbibliothek Nürnberg) begrüßt. Als sie in der Frankfurter Rundschau auf den Titel des Buches von Viktor Funk gestoßen sei, habe sie sich gefragt, „was das für Leute sind, deren Leben in Deutschland mit einem Stück Bienenstich beginnt“, bemerkte Schneehorst unter anderem.

Als Viktor Funks Debütroman im vorigen Jahr erschien, nahm die Debatte über Integration und Heimat in Deutschland gerade Fahrt auf. Da der Autor zur zweiten Generation der (Spät-)Aussiedler gehöre, zu denen, die als Kinder nach Deutschland kamen, stelle sein Buch in gewisser Weise eine neue Perspektive dar, erläuterte die Moderatorin Katharina Sperber. Beide lasen abwechselnd aus dem Buch vor, kamen miteinander ins Gespräch und zogen auch die Zuhörer in die Diskussion ein.Continue reading →

Zeichen setzen mit Zeichensetzung (3)

Im letzten Beitrag dieser kleinen Serie möchte ich noch einmal genauer auf einige Unterschiede in der Kommasetzung zwischen dem Deutschen und dem Russischen eingehen, die mir bei der Korrektur von Texten immer wieder auffallen. Natürlich würde es den Rahmen sprengen, hier die gesamte Kommasetzung im Deutschen zu erläutern, das kann der Duden weit besser als ich. Unterschiede zwischen den beiden hier relevanten Sprachen sollen aber beleuchtet werden, weil sie unter Umständen „verraten“, dass der Autor des Textes nicht immer auf Deutsch geschrieben hat.

So werden Adverbien wie „natürlich“ oder „beispielsweise“ oder auch die Wortfügung „zum Beispiel“ im Deutschen nicht in Kommas eingeschlossen:

„Das war natürlich die beste Entscheidung seines Lebens.“

„Wenn du beispielsweise einen Strudel backen möchtest, brauchst du Blätterteig.“

„In Moskau gibt es zum Beispiel sieben dieser Hochhäuser.“

Anders verhält es sich lediglich, wenn „natürlich“ einen Satz quasi als Ausruf einleitet, doch das ist ein Sonderfall:

„Natürlich, das war die beste Entscheidung seines Lebens!“

Auch „bitte“ wird in der Regel ohne Kommas verwendet:

„Kannst du mir bitte diese Informationen schicken?“

„Bitte schreibe mir, ob du gut angekommen bist!“Continue reading →

Rose Steinmark und Katharina Martin-Virolainen stellten sich im Museumsdorf Cloppenburg vor

„Wir waren ein selbstbewusstes und politisches Theater… Das Buch habe ich mit Herzblut und manchmal unter Tränen geschrieben.“ / „Vor allem möchte ich auch die nächste Generation, die bereits hier aufgewachsen ist, für die Geschichte der (Russland)-Deutschen sensibilisieren.“, zitierte die „Münsterländische Tageszeitung“ die russlanddeutschen Autorinnen Rose Steinmark (Münster) und Katharina Martin-Virolainen (Eppingen/BW), die sich vor zahlreich erschienenen Gästen in einer Lesung im Vortragssaal des Museumsdorfs Cloppenburg am 3.11.2018 vorgestellt hatten. Eingeladen wurden sie von der Arbeitsgemeinschaft (AG) für Kulturpflege beim Heimatverein der Deutschen aus Russland e.V. in Molbergen (Vorsitzende: Dr. Maria Schmieder) in Kooperation mit dem Museumsdorf Cloppenburg. Das Projekt wurde vom Kulturreferat für Russlanddeutsche am Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold und der Friedlandhilfe e.V. gefördert.

Die zahlreich erschienenen Gäste wurden von der Leiterin der Arbeitsgemeinschaft für Kulturpflege und Historikerin, Dr. Marina Schmieder, begrüßt, die anschließend die Veranstaltung moderierte. Die vielfältige Werbung des Heimatvereins hat nicht nur Interessierte aus dem Landkreis Cloppenburg, sondern auch aus den benachbarten Landkreisen Vechta und Oldenburg erreicht. Schon vor Beginn der Veranstaltung wurden die beiden Autorinnen mehrfach interviewt. Zwei Videoaufnahmen zu diesen Interviews sind auf dem YouTube Kanal „Kultur der Russlanddeutschen“ (www.youtube.com) zu sehen.

Rose Steinmark, ehemalige Dramaturgin des Deutschen Theaters in Kasachstan und heute Dozentin beim Dolmetscher-Institut Münster, präsentierte ihr 2017 erschienenes Buch „Das Schicksal eines Theaters“ zur Geschichte des Deutschen Theaters in Kasachstan (Temirtau/Alma-Ata), das durch zahlreiche Gastspielreisen ihr Publikum auch in den entferntesten Ecken Sibiriens oder Zentralasiens erreicht hatte. Theaterplakate und Programmheftchen erinnerten an die Aufführungen des Theaters, Ausschnitte aus einem alten BRD-Dokumentarfilm ließen das vielseitige Leben des Theaters nachempfinden.Continue reading →

Nicht das Ende einer Tradition, sondern ein neuer Anfang

Bericht von der Lesung und Podiumsdiskussion mit Eleonora Hummel und Artur Rosenstern in Berlin am 3. Dezember 2018

von Carola Jürchott

Eleonora Hummel (Copyright: C. Jürchott)

Wie unterschiedlich Wahrnehmungen doch sein können! Dieses Gefühl wurde bei mir wieder wachgerufen, als ich einen Rundfunkbeitrag über die Lesung der russlanddeutschen Schriftsteller Eleonora Hummel und Artur Rosenstern in Berlin hörte. Der Autor des Berichts beklagte ein „geringes Interesse“, weil „nicht einmal 30 Leute“ zu eben dieser Lesung erschienen seien. Ich dagegen war heilfroh gewesen, als ich in den nicht eben großen, aber gut gefüllten Saal in der Chausseestraße gekommen war, weil ich weiß, dass es an jedem Abend in Berlin zigtausend Veranstaltungen gibt, um deren Besucher man dann konkurriert. Gerade Autorenlesungen haben es in diesem Umfeld nach meiner Erfahrung immer schwer mit der Massenwirksamkeit. Deshalb fand ich, dass über 20 Zuhörer bei einer Lesung an einem Montagabend mitten in der Adventszeit durchaus einen Erfolg darstellen – erst recht in einem so traditionsreichen Ambiente wie dem ehemaligen Wohnhaus von Bertolt Brecht und Helene Weigel.

Die Lesung wurde mit Unterstützung des Deutschen Kulturforums östliches Europa veranstaltet, und Edwin Warkentin, der Kulturreferent für Russlanddeutsche am Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold, führte durch den Abend. Dieser war Teil einer Lesereise mehrerer russlanddeutscher Autoren, die unter anderem auch noch in Hamburg die Anthologie des Literaturkreises der Deutschen aus Russland „Und zur Nähe wird die Ferne“ vorstellten.

Im Mittelpunkt der Lesung standen jedoch eigenständige Werke der beiden Autoren, Continue reading →

Sehnsucht nach der fernen Kindheit

Monika J. Mannel und Agnes Gossen blicken in einem Buch auf ihre ersten Jahre zurück. Dabei spielt der Dialekt eine wichtige Rolle.

Von Ebba Hagenberg-Miliu, 03.11.2018

Ängstlich stehen die beiden kleinen Mädchen in den 1950er Jahren im rheinischen Lebensmittelladen. Die dicke Frau an der Theke schüttelt den Kopf. Ob denn ihre Mama nicht wisse, dass sie schon den letzten Einkauf nicht bezahlt habe, seufzt die Verkäuferin zu den Kindern hinunter. „Sag dingem Vate, er soll net so vell sufe, dan is och Jäld do“, spielt die Dicke auf die Familiensituation der Mädels an. Woraufhin Maria, die Ältere, jämmerlich zu weinen beginnt – und die Ware doch noch erhält, genau wie es die Mutter geplant hatte. „Dat es dat letzte Mol“, droht die Dicke zwar. Aber Maria stürzt nebst Ware und Schwesterchen wieselflink aus dem Laden.

„Wir waren halt ärm Lücks Pänz, armer Leute Kinder“, sagt die Lengsdorfer Autorin Monika J. Mannel, die als ausgebildete Poesiepädagogin seit 1997 die „Kreative Schreibwerkstatt Bonn“ leitet. Die plastisch und humorvoll beschriebene Szene stammt aus ihrem neusten Buch, aus dem sie mit ihrer Co-Autorin Agnes Gossen auf Lesereise ist. Aus Einblicken in Mannels Jugend in Lengsdorf besteht die eine Hälfte des Buchs „Kindheiten in Deutschland und Russland“, aus Momentaufnahmen ihrer Schreibwerkstatt-Kollegin Gossen die andere. Die wuchs nämlich zur selben Zeit in einer russlanddeutschen Familie in der damaligen Sowjetunion auf, kam 1989 nach Deutschland und arbeitet seither als Bibliothekarin an der Universitätsbibliothek Bonn. Ihre Kindheitsszenen spielen ebenfalls im Dorf, aber eben nicht in einem der Adenauer-Ära am Rhein, sondern im nachstalinistischen Russland. In dem versucht die deutsche Minderheit, irgendwie dann doch ihre Sprache zu erhalten. „Jret kocke“ bedeutete da „Grütze kochen“, „wajchschmiete“ sagte die Großmutter für „wegschmeißen“, erinnert sich Gossen.Continue reading →

Neuer Lyrikband „Rum & Ähre“ von Andreas A. Peters erschienen

Achtung! Seien Sie bloß vorsichtig, hier ist es gefährlich! Lesen Sie diese Gedichte auf keinen Fall – wenn Sie lieber beim Vertrauten bleiben, wenn keiner Ihre wohlgefügten Kreise stören soll, wenn Sie sich nicht herausfordern lassen möchten. Denn der da schreibt, der ist frech … und fromm.
Das ist das Beeindruckende an den Gedichten von Andreas Andrej Peters: Sie gehen virtuos mit der christlichen Tradition und dem biblischen Wort um, sie treten unverstellt in Beziehung und stellen in Frage („Ich trete ihm auf die Füße“), sie verlangen von Wort und Tradition, dass sie sich als heute gültig erweisen („DIE BIBEL//querlesen mit einem/balken vorm/gesicht“) und neu zu uns Heutigen sprechen. Fromm aber, im Sinne der tieftiefen Frömmigkeit etwa eines Gerhard Tersteegen („Gott ist gegenwärtig …/Gott ist in der Mitte …/Ich in dir,/du in mir …“), wie ein Mystiker – da mag die russisch-orthodoxe Tradition, die hier und da anklingt, wirksam sein – setzt Andreas Andrej Peters zugleich, dass Gottes Wort wirkt und geheimnisvoll waltet.

Es ist faszinierend zu lesen und (Empfehlung: Lesen Sie sich die Gedichte vor!) zu hören, wie diese poetischen Texte in Bewegung sind, wie sie tanzen und spielen – zwischen Frage und Antwort, zwischen Zweifel und Zustimmung, Klage und Trost.
Etwa in diesen Zeilen:
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Deutschlandfunk berichtet über die Lesung mit Eleonora Hummel und Artur Rosenstern im Brecht-Haus in Berlin

Anfang 2018 traten Eleonora Hummel und Artur Rosenstern mit einem programmatischen Aufruf zur Unterstützung der russlanddeutschen Literatur auf: „Das Schlüsselloch im Suppenteller: Was das Besondere an der russlanddeutschen Literatur ist und warum sie gefördert werden sollte“ (in: Und zur Nähe wird die Ferne. Almanach 2017/2018). Diesem Thema war die Lesung und die Podiumsdiskussion am 3. Dezember gewidmet.

Deutschlandfunk berichtete darüber am  4. Dezember 2018. Der Bericht wird eine begrenzte Zeit online zur Verfügung stehen. Unter diesem Link ist er abrufbar: Deutschlandfunk „Kultur heute“ vom 04.12.2018.