Das Magische und das Reale in Sibirien und Kasachstan nach dem zweiten Weltkrieg

Heinrich Rahn, Die Birkeninsel. Roman. Geest – Verlag. Vechta – Langförden, Deutschland. 2018. 404 Seiten.

Die Birkeninsel ist der dritte „utopisch-phantastische“ Roman von Heinrich Rahn. Schon 2008 erschien im Geest-Verlag sein erster Roman Der Jukagire, in dem in einer Folge von „mythischen Symbolen“ das Schicksal des Waisenjungen Ivan Nickel in der düsteren Atmosphäre der sowjetischen Stalinzeit verdeutlicht wird (siehe die Besprechung im LOG – Heft 123/2009). Der Sohn einer Frau aus dem Nomadenvolk der Jukagiren flieht aus einem sibirischen Straflager und versteckt sich jahrelang in der Taiga, wo er sich in einen Schamanen verwandelt. Auch im Rahns zweiten Roman Aufzug Süd-Nord aus dem Jahr 2011, der im gleichen Verlag erschien, geht es nicht mit rechten Dingen zu (siehe die Besprechung im LOG – Heft 135/2012). Im Spiel sind außerirdische Intelligenzen, die, um auf der Erde zu überleben, in den vorhandenen menschlichen Körpern aus losen Schwärmen feste Substanzen bilden. Sie versuchen die charakterlich schwachen Menschen ethisch und geistig zu verbessern, was ihnen aber nicht gelingt. Der Autor vermischt die realistische Ebene seiner menschlichen Protagonisten mit der Hauptfigur des Ingenieurs Andrej Renn mit vielen mystisch und esoterisch anmutenden Elementen.

Auch im seinen neuesten Roman Die Birkeninsel verwandeln sich die Protagonisten in etwas Neues, oder verlieren sich im Geheimnisvollen: „Ich verschmelze auf molekularer Ebene mit einer Birke, die auf der Birkeninsel ihren formschönen weißen Stamm zum Himmel emporhebt“ (Die Birkeninsel, Prolog. Seite 7). Es geht um eine Erfindung des russischdeutschen Botanikers Josef Sedlak, durch die möglich ist, die Menschen mit Hilfe der Bäume, in denen sie verschwinden, in andere Gegenden zu teleportieren.

So wie in beiden früheren Romanen erzählt Rahn auch in seinem neuen Werk zugleich seine eigene Lebensgeschichte. Sein Hauptprotagonist Rene ist in einem gewissen Sinne sein alter Ego, ein Kind des Zweiten Weltkrieges und der schweren stalinistischen Nachkriegszeit. Auch Heinrich Rahn wurde 1943 in einer deutschen Familie in der Ukraine geboren. Nach dem Krieg wurde er wie sein Protagonist Rene nach Nordsibirien deportiert und wurde schließlich in Kasachstan sesshaft.

Der kleine naturverbundene Junge hat eine außergewöhnliche Vorstellungskraft. Inmitten der Taiga auf einer Birkeninsel spricht er mit Baumen, Tieren und dem Wind. Sein Begleiter ist der magische Kater Mursik, mit dem sich das Kind auf eine besondere Weise verständigen kann.

Die Birkeninsel bildet die Drehachse des Romans. Sie ist ein „locus amoenus“, ein Ort des emotionalen Zentralgeschehens inmitten der schönen Natur. Es ist ein Ort, wo sich das persönlich erlebte des Hauptprotagonisten Rene und seine Sehnsucht, beziehungsweise Suche nach Tawi, der mysteriösen Frau seines Lebens, wie auf einer Bühne vollzieht.

Der Roman ist im gewissen Sinne auch die Verdeutlichung der eigenen Lebensgeschichte des Autors, der bis 1990 in der Sowjetunion lebte, wo er in Kasachstan 1965 eine Ingenieurschule absolvierte und dann in staatlichen Baukombinaten arbeitete. Auch sein Held Rene ist als Bauingenieur in verschiedenen sowjetischen Betrieben beschäftigt.

Neben den einprägsamen Schilderungen der Landschaften gelingen dem Autor vor allem die sachlichen Schilderungen der Arbeitsprozesse sowie die sensiblen Beschreibungen des kargen Lebens der deutschen Deportierten in Sibirien nach dem Zweiten Weltkrieg. Trotz dieser argen Erfahrungen in der Kindheit, sehnt sich Rene immer wieder zurück in die wilde herrliche sibirische Taiga, wo sich sein Schicksal auch erfüllt.

Im Rahns Roman spürt man den Einfluss der russischen, beziehungsweise sowjetischen Heimatromane mit erbaulichen ethischen Tendenzen und wissenschaftlich utopischen sowie märchenhaften Zügen, die auch der Rezensent dieses Buches als Kind in Jugoslawien nach 1945 ausgiebig in slowenischen Übersetzungen kennengelernt hat. Zum Ausdruck kommt auch die große Ehrfurcht vor geschriebenem Wort, die für die russische Kultur noch heute üblich ist. Sie ist auch für den in einer deutschen Familie in der Ukraine geborenen Rahn charakteristisch. Sein Held Rene ist auch Dichter. Seinen neuen Roman bereichert der Autor diesbezüglich hie und da mit eingeschobenen Gedichten und lyrischen Passagen, die Handlung verziert er aber zusätzlich auch mit der Erwähnung der literarischen Vorbilder Alexander Puschkin, Lev Tolstoj, Maxim Gorki, Walentin Katajew, Ewgenij Jewtuschenko oder Jaroslaw Smeljakow.

                                                                                               Prof. Lev Detela

Quelle: LOG, Zeitschrift für Internationale Literatur, Ausgabe 161-162 /2019 * Jahrgang XLI (41)