Gibt es ein Heute in der Vergangenheit?

Diese Frage mag eher philosophisch als linguistisch klingen, dennoch hat sie einen ganz klaren Bezug zur Thematik dieses Blogs, nämlich der sprachlichen Gestaltung.

Immer wieder stoße ich bei der Lektoratsarbeit auf Texte, die im sogenannten historischen Präsens geschrieben wurden, d. h. eine Handlung in der Vergangenheit wird in der grammatischen Gegenwart erzählt. Diese Form mag einen kurzen Einschub lebendiger machen (erst recht, wenn es sich um eine direkte Rede handelt wie zum Beispiel: „Stell dir vor, gestern gehe ich die Straße entlang, und da sehe ich doch unseren alten Schulfreund auf der anderen Seite!“), für einen kompletten Text kann ich davon nur abraten, weil das Lesen auf die Dauer recht anstrengend wird, da diese Form im Deutschen wenig verbreitet ist.

Die gängige Erzählform ist hier eindeutig das Präteritum, was dazu führt, dass auch alle anderen im Text vorkommenden Verbformen dieser Zeit angepasst werden müssen. Grob gesagt, bedeutet das, dass alles was vor dem jeweiligen Handlungsmoment passiert ist, im Plusquamperfekt stehen sollte. Möchte man dagegen etwas vom Handlungsmoment aus in der Zukunft Liegendes zum Ausdruck bringen, muss man sich mit einem Konjunktiv behelfen.

Doch nicht nur die Verbformen müssen mit dieser Erzählweise korrelieren. Das Präteritum des jeweiligen Prädikats wirkt sich auch auf die sonstige lexikalische Gestaltung einiger Aussagen aus. So halte ich es nicht für gangbar, in der Vergangenheit Wörter wie „heute“, „im Moment“ oder auch „jetzt“ zu benutzen, sofern damit eine Gleichzeitigkeit zum Handlungsmoment ausgedrückt werden soll. Hier ist es meines Erachtens unumgänglich, neutralere Formulierungen zu wählen: „an diesem Tag“, „in diesem Moment“, „zu diesem Zeitpunkt“ oder auch „nun“. Dasselbe gilt natürlich auch für ausführlichere Zeitangaben. So wird aus „heute Morgen“ besser „an diesem Morgen“ oder „am Morgen dieses Tages“ oder „am Morgen desselben Tages“.

Ebenso verhält es sich mit den anderen Zeiten, denn auch Adverbien wie „gestern“ oder „morgen“ beziehen sich so eindeutig auf den Handlungsmoment, dass sie in der Vergangenheit aus logischen Gründen durch Zeitangaben wie „am Tag zuvor“ oder „tags zuvor“ und „am (darauf)folgenden Tag“, „am nächsten Morgen“ usw. ersetzt werden sollten. Anderenfalls laufen Sie Gefahr, dass sich der Leser immer wieder fragen muss, von welchem Zeitpunkt eigentlich gerade die Rede ist, weil Vergangenheit und Gegenwart durcheinandergeraten.

Carola Jürchott

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