Gewaltenteilung einmal anders

Dem in der Überschrift genannten Begriff begegnen wir in den Medien immer wieder, und bereits in der Schule wird den Kindern diese Grundlage der Demokratie beigebracht. Sie wissen, was Legislative, Judikative und Exekutive sind, aber über die grammatischen Besonderheiten des Substantivs „Gewalt“ machen sie sich häufig keinerlei Gedanken. Dass es sich hierbei in den meisten Fällen (abhängig von der Bedeutung) um ein Singularetantum handelt, also ein Wort, das nur in der Einzahl vorkommt, ist vielen sicher eher intuitiv bewusst. So gibt es die Form „Gewalten“ nur im Zusammenhang mit der Gewaltenteilung oder aber den Naturgewalten. Sowohl die Gewalt als physischer (oder auch psychischer) Übergriff als auch die juristisch relevante höhere Gewalt existieren, ungeachtet ihrer Stärke, nur im Singular.

Auch in den Texten, die ich zum Korrekturlesen bekomme, stellt diese Spezifik in der Regel keine große Schwierigkeit dar. Anders sieht es hingegen mit den Adjektiven aus, die mit dem Wort „Gewalt“ gebildet werden können. So ist beispielsweise häufig von der „gewalttätigen Vertreibung der Wolgadeutschen“ die Rede. Diese Tatsache ist zwar völlig unbestritten, allerdings ist die Formulierung sprachlich dennoch nicht korrekt, da es zwei Adjektive gibt, die von dem Substantiv „Gewalt“ abstammen: „gewalttätig“ und „gewaltsam“.

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Fremdwörter sind Glückssache

„Wenn Sie ein Wort nicht kennen, latinisieren Sie!“

Dieser Rat, der uns im Studium im Dolmetschunterricht vermittelt wurde, mag einen beim Simultandolmetschen vor peinlichen Pausen und dem Verlust des roten Fadens bewahren, in der Übersetzungspraxis jedoch kann er sich häufig als fatal erweisen. Korrigiert man nämlich einen Text, der das Ergebnis dieser Maxime sein könnte, hat man häufiger den Eindruck, das in der Überschrift zitierte Bonmot könnte tatsächlich zutreffen.

Da liest man dann unter Umständen von einem „Naturmort“, das im Deutschen nicht einmal, wie im Französischen, „nature morte“ genannt wird, sondern als „Stillleben“ in die Kunstgeschichte eingegangen ist, oder muss im historischen Kontext erst einmal darauf kommen, dass mit der „Arena der Kampfhandlungen“ ein „Kriegsschauplatz“ gemeint ist.

Auch wenn das Thema der falschen Freunde hier schon behandelt wurde, möchte ich heute im Zusammenhang mit den Fremdwörtern noch einmal genauer darauf eingehen. Es ist nämlich, wie die obigen Beispiele belegen, mitnichten so, dass Fremdwörter in allen Sprachen dasselbe bedeuten. „Fremdwörter sind Glückssache“ weiterlesen

Gibt es ein Heute in der Vergangenheit?

Diese Frage mag eher philosophisch als linguistisch klingen, dennoch hat sie einen ganz klaren Bezug zur Thematik dieses Blogs, nämlich der sprachlichen Gestaltung.

Immer wieder stoße ich bei der Lektoratsarbeit auf Texte, die im sogenannten historischen Präsens geschrieben wurden, d. h. eine Handlung in der Vergangenheit wird in der grammatischen Gegenwart erzählt. Diese Form mag einen kurzen Einschub lebendiger machen (erst recht, wenn es sich um eine direkte Rede handelt wie zum Beispiel: „Stell dir vor, gestern gehe ich die Straße entlang, und da sehe ich doch unseren alten Schulfreund auf der anderen Seite!“), für einen kompletten Text kann ich davon nur abraten, weil das Lesen auf die Dauer recht anstrengend wird, da diese Form im Deutschen wenig verbreitet ist. „Gibt es ein Heute in der Vergangenheit?“ weiterlesen

Plädoyer für alte Kommas

Zugegeben, wollte ich der Absicht dieses Beitrags durchgängig treu bleiben, müsste es in der Überschrift auch „Kommata“ statt „Kommas“ heißen. Da diese Pluralform aber kaum noch jemand kennt, habe ich darauf an dieser Stelle verzichtet. Allerdings kann und will ich nicht verleugnen, dass ich der Generation entstamme, die noch ihre komplette Schulzeit vor der letzten Rechtschreibreform und selbst vor Beginn der Diskussion darüber absolviert hat. So war bei uns das ß noch weit mehr verbreitet, und auch für Getrennt- und Zusammenschreibung, Groß- und Kleinschreibung und einiges mehr galten andere (und mitunter striktere) Regeln als heute. Auch wenn ich mich mittlerweile an vieles davon gewöhnt habe und bei Schreibweisen wie „Schloß“ und „Fluß“ stutze, gibt es einen Bereich, in dem ich mich nach wie vor an alle alten Regeln halte, die zum Glück zumindest als Alternativvariante noch erlaubt sind. Die Rede ist von der Kommasetzung. So finde ich eine Satzverbindung wesentlich übersichtlicher, wenn vor „und“ und „oder“ ein Komma steht, auch wenn dadurch zwei Hauptsätze miteinander verbunden sind. Unter Umständen kann das auch helfen, einen kommenden Teilsatz von einer Aufzählung o. Ä. zu unterscheiden. „Plädoyer für alte Kommas“ weiterlesen

AKÜFI in Ost und West

Wer ist nicht schon einmal fast daran verzweifelt, eine ihm unbekannte Abkürzung zu entschlüsseln? Bei mir hat es zum Beispiel einige Zeit gedauert, bis ich herausfand, dass sich hinter dem rätselhaften Namen Гиредмет für die Einrichtung, der das Ferienlager bei Moskau gehörte, in dem ich dreimal einen Teil meiner Sommerferien verbrachte, das Staatliche Forschungsinstitut für seltene Metalle verbarg. Seine komplette russische Bezeichnung ist noch länger: Государственный научно-исследовательский и проектный институт редкометаллической промышленности.

In einem Buch, das ich kürzlich las, geriet der Autor bereits bei der Dechiffrierung des überaus bekannten Komsomol auf Abwege. Während er zwar noch die deutsche Erklärung abgab, es handele sich dabei um den Kommunistischen Jugendverband, lautete seine ausgeschriebene russische Version: „Komitet Sozialistitscheskych Molodesch“. Es ist also offensichtlich gar nicht so einfach, von der Abkürzung auf die richtige vollständige Version zu schließen.

Doch der AKÜFI, wie in meiner Schulzeit der „Abkürzungsfimmel“ scherzhaft genannt wurde, ist kein Spezifikum der russischen Sprache. „AKÜFI in Ost und West“ weiterlesen

Gegensätze zieh‘n sich an …

Obwohl diese Zeile einerseits ein bekanntes Sprichwort darstellt, andererseits auch den Anfang eines Schlagers bildet, stelle ich im täglichen Sprachgebrauch immer wieder fest, dass es mit den Gegensätzen selbst sprachlich nicht ganz so einfach ist. Natürlich haben die meisten von uns irgendwann einmal gelernt, was man unter einem Antonym versteht und könnten die entsprechenden Wortpaare vermutlich im Schlaf herbeten: Liebe – Hass, hell – dunkel, einpacken – auspacken.

Die Schwierigkeit besteht aber nicht in der Anwendung der Antonyme, sondern in ihrer Benennung, genauer gesagt, in der Unterscheidung zwischen „Gegensatz“ und „Gegenteil“. Während der Gegensatz, wie es schon die Überschrift erahnen lässt, eher eine fast schon philosophische Definition erfordert (in diesem Bereich gibt es dann sogar die antagonistischen Gegensätze und Ähnliches), ist das Gegenteil immer etwas sehr Konkretes, gewissermaßen ein Pendant mit negativem Vorzeichen, das Yin zum Yang.

Sicher wäre es zu viel verlangt, wollte man für jeden Satz, in dem sprachliche oder semantische Gegensätze vorkommen, erst philosophische Fragen klären. Dennoch gibt es feststehende Wendungen, in denen „Gegenteil“ und „Gegensatz“ nicht austauschbar sind. So steht das Gegenteil meist allein, während auf den Gegensatz häufig eine Präposition oder ein Adverb folgt:

Sie wollte an diesem Abend nicht tanzen gehen. Im Gegenteil: Sie wollte lieber lesen.

Er war ein begnadeter Tänzer, doch sie war das ganze Gegenteil von ihm.

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Lehren ziehen leicht gemacht

Mit dem Lernen ist es so eine Sache. Manchmal ist es einfacher, es zu tun als darüber zu sprechen. Noch heute muss ich schmunzeln, wenn ich an das entsetzte Gesicht meiner Mutter angesichts einer Formulierung denke, die zu meinen Kindergartenzeiten in Berlin unter meinen Altersgenossen gang und gäbe war, wenn der eine etwas konnte, das der andere noch nicht beherrschte: „Lernste mir das?“

Natürlich folgten auf Äußerungen dieser Art lange elterliche Erklärungen, dass man zwar selbst etwas lernen, einem anderen aber nur etwas beibringen oder es ihn lehren könne. Dabei stand damals auch völlig außer Zweifel, dass „lehren“ mit dem Akkusativ verwendet wurde, „beibringen“ hingegen mit dem Dativ. Mehr oder weniger bekannte Songtitel wie „Denn sie lehren die Kinder …“ unterstützten diesen Lernprozess durchaus.

Nach dieser Vorgeschichte können Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich sicher mein Entsetzen vorstellen, als vor Kurzem im öffentlich-rechtlichen Fernsehen in einer Quizshow eine Antwortmöglichkeit lautete, Konrad Duden habe eine Wette gewonnen, weil er „einem Kleinkind das Lesen lehrte“. Abgesehen davon, dass die richtige Antwort eine andere war, kam mir diese Variante jedoch doppelt falsch vor. Für mich war völlig klar, dass der Altmeister der deutschen Rechtschreibung, entweder „das Kind das Lesen gelehrt“ oder „dem Kind das Lesen beigebracht“ haben musste, wenn es denn tatsächlich so gewesen sein sollte. „Lehren ziehen leicht gemacht“ weiterlesen

Koste es, was es wolle!

„Das kostet mich ein müdes Lächeln!“ Diesen Satz hat wohl jeder schon einmal gehört oder selbst gesagt, und daran gibt es auch nichts zu deuteln. Auch ich habe ihn noch nie anders gehört, doch das ist beileibe nicht selbstverständlich. Vielleicht liegt es daran, dass sich diese Redewendung sozusagen als idiomatische ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat.

Eine bekannte und sehr empfehlenswerte Buchreihe mit Sprachtipps heißt „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“. Dieselbe „Gefährdungslage“ kann man in diesem Fall jedoch auch für den Akkusativ konstatieren. So höre ich immer wieder Sätze wie „Das kostet dir doch nichts!“ Die gängigen Medien bilden dabei keine Ausnahme.

 Zu meinem großen Erstaunen musste ich nun feststellen, dass diese Variante sogar Duden-konform ist. Dabei ist allerdings zu beachten, dass der Duden inzwischen wesentlich eher eine deskriptive als eine präskriptive Funktion hat. Er beschreibt den aktuellen Zustand der Sprache, ohne Varianten, die sich „eingebürgert haben“, in Bausch und Bogen zu verdammen. Allerdings ist dieser Dativ nichts Neues, sondern stand auch schon vor mehr als 80 Jahren im damals aktuellen Duden. „Koste es, was es wolle!“ weiterlesen

Vom Werden und Wachsen

Wie haben wir uns in der Schule gequält, bis wir verinnerlicht hatten, dass man im Russischen den Instrumental verwenden muss, um auszudrücken, was man werden möchte! Immerhin war das eine Frage, die man in diesem Alter öfter gestellt bekam. Auch im Englischen dauerte es eine Weile, bis endlich die ganze Klasse begriffen hatte, dass „become“, das man in eben diesen Fällen verwenden musste, nichts mit dem deutschen „bekommen“ zu tun hat.

Wie einfach war es doch im Deutschen: „Ich möchte Lehrer werden“ – oder was immer man sich gerade vorgenommen hatte. Ein Verb, dahinter noch ein Nominativ – fertig!

Doch ganz so einfach ist es anscheinend doch nicht. Zumindest drängt sich dieser Verdacht auf, wenn man Texte korrigiert, die aus dem Russischen übersetzt wurden. Hier spielt immer wieder einmal der russische Instrumental noch heimlich mit hinein, ob es der Autor nun wollte oder nicht. Da liest man dann Konstruktionen wie „zu einem Lehrer werden“, und schon kommt man dem Ausgangstext wieder auf die Schliche. „Vom Werden und Wachsen“ weiterlesen

Teilnahmsvolle Beteiligung

Vor Kurzem las ich in einem Text, jemand hätte sich „am Winterkrieg beteiligt“, und wieder einmal stellte ich mir die Frage, ob es gerechtfertigt ist, das über einen einfachen Soldaten zu sagen. Ich denke, nein, denn eine Beteiligung ist zwar auch laut Duden das „Teilnehmen“, aber gleichzeitig eine „Mitwirkung“, und genau das ist meines Erachtens der springende Punkt. Der Unterschied besteht im Grad der Aktivität. Die Soldaten haben in der Regel nur am Krieg teilgenommen, während die Kriegsbeteiligten diejenigen Mächte waren, die sich jeweils feindlich gegenüberstanden.

Betrachtet man das Ganze von einer friedlicheren Perspektive aus, so sind die Teilnehmer einer Veranstaltung durchaus auch im Publikum zu finden, während die Beteiligten die Mitwirkenden und die Organisatoren sind. Deshalb können Teilnehmer durchaus auch einmal „unbeteiligt“ dreinschauen. „Teilnahmsvolle Beteiligung“ weiterlesen