Ein historischer falscher Freund


Von den sogenannten falschen Freunden des Übersetzers war an dieser Stelle schon öfter die Rede und auch davon, dass selbst Fremdwörtern, die so klingen, als müsste es sie in beiden Sprachen geben, bei Weitem nicht immer zu trauen ist. Dennoch taucht eines von ihnen nach meiner Erfahrung besonders häufig auf, wenn es um historische Texte, Memoiren und (Auto-)Biografien geht, in denen die Sowjetunion in der Stalinzeit eine Rolle spielt. Gemeint ist das offensichtlich als solches wahrgenommene Partizip II „repressiert“. Immer wieder liest man, dass jemand „repressiert“ worden sei. Eingeweihte wissen natürlich, dass es sich bei diesem Wort um eine Entlehnung des russischen „репрессирован(ный)“ handelt. Das Problem im Deutschen besteht nun allerdings darin, dass es das Verb „repressieren“ nicht gibt und somit von diesem auch kein Partizip gebildet werden kann.
Will man die russische Erscheinung also ins Deutsche übersetzen, kommt man nicht umhin, sich mit einer Substantivkonstruktion zu behelfen, die allerdings ihrerseits auch einen Fallstrick bereithält. Während es nämlich im Russischen nur das Substantiv „репрессия“ gibt, stehen diesem im Deutschen zwei Fremdwörter gegenüber: „Repression“ und „Repressalie“.

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Die Negation der Negation


Von der Notwendigkeit eines Perspektivwechsels beim Übersetzen war an dieser Stelle schon häufiger die Rede, davon, dass ein „nicht“ jedoch nicht immer in der anderen Sprache auch „nicht“ bedeutet, jedoch noch nicht. Dies bitte ich jedoch unbedingt nur grammatisch aufzufassen und nicht etwa in Zusammenhang mit derzeit aktuellen Diskussionen zu bringen.
Mir geht es – wie immer in diesem Blog – um die rein sprachliche Seite, und bei dieser stoßen deutsche Muttersprachler schon an die ersten Grenzen, wenn sie im Russischunterricht lernen, dass Negativpronomen und Negationspartikeln, die mit „ни-“ beginnen, auch noch die Negation des Verbs erfordern. Das ist zunächst sehr gewöhnungsbedürftig, weil man ja schließlich im Deutschunterricht gelernt hat, dass eine doppelte Verneinung eine Bestätigung bedeutet.

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Unterhaltung, unterhalten, Unterhalt …

Udo Jürgens‘ Bonmot, dass „Unterhaltung“ vor allem mit „Haltung“ zu tun habe, ist inzwischen weithin bekannt. Wie sieht es aber mit den anderen Wörtern aus, die so ähnlich klingen und eindeutig denselben Stamm aufweisen? Kann es da nicht mitunter zu Missverständnissen kommen?
Beim Verb „unterhalten“ ist klar, dass es durchaus mehrere Bedeutungen haben kann, allerdings werden davon zwei Substantive gebildet, die jeweils sowohl eine exklusive Bedeutung haben, sich aber auch semantisch überschneiden können: „Unterhaltung“ und „Unterhalt“.


So unterscheiden sich die Bedeutungen, die der Duden jeweils als erste angibt, erheblich voneinander. Bei der Unterhaltung ist es klar, dass es um Vergnügungen vielerlei Art geht, wohingegen beim Unterhalt der Lebensunterhalt im Vordergrund steht, dicht gefolgt von den Unterhaltszahlungen.

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Wenn Nachrichten ins Leere laufen

Geht es Ihnen auch manchmal so, dass Sie sich am Ende einer Nachricht um ihren eigentlichen Ausgang betrogen fühlen? Was hier so hart klingt, wird häufig durch ein einziges Wort verursacht. Dieses Wörtchen kann eigentlich gar nichts dafür, dass man hinterher nicht schlauer ist als vorher. Das Problem ist nämlich nicht das Wort selbst, sondern die Tatsache, dass es in letzter Zeit in Videotext & Co. geradezu inflationär verwendet wird. Gemeint ist das Wort „zunächst“.


Für das Adverb „zunächst“ (die gleichlautende, aber wesentlich seltener gebrauchte Präposition wird hier außer Acht gelassen, weil sie für dieses Problem nicht relevant ist) bietet allein schon der Duden eindeutige Synonyme: „anfänglich, anfangs, eingangs, vorerst, einstweilen“.

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Rund ist die Welt

Von Perspektivwechseln beim Übersetzen war an dieser Stelle schon des Öfteren die Rede, sodass erfahrene Leserinnen und Leser unseres Blogs natürlich wissen, dass man mit dem wörtlichen Übersetzen mitunter nicht weit kommt, sondern sich in die Sichtweise der Zielkultur hineindenken muss. Genau das ist auch nötig, möchte man im Deutschen darstellen, dass etwas im ganzen Land oder auf der ganzen Welt stattfindet bzw. sich Menschen von überallher irgendwo treffen.


Im Russischen werden dafür gern Formulierungen verwendet wie „со всех концов страны“ oder „во всех уголках планеты“. Natürlich ist es mir in meiner Praxis auch schon untergekommen, dass in Texten versucht wurde, diese Formulierungen im Deutschen unhinterfragt zu übernehmen, doch spätestens, wenn man liest, etwas ereigne sich „in allen Ecken des Planeten“, stellt sich beim deutschen Leser die Überlegung ein, dass die Erde rund ist und es deshalb schwierig werden dürfte, bei unserem Planeten Ecken zu finden. Dass eine Kugel keinen Anfang und kein Ende hat, führt auch zu der Erkenntnis, dass Menschen nicht „aus allen Enden der Welt“ kommen können. Um wie viel schöner klingen doch da Wendungen wie „aus aller Herren Länder“, „von nah und fern“ oder einfach „aus aller Welt“.

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Warum Urheberrechte nicht nur Autorenrechte sind

Keine Angst, liebe Leserinnen und Leser, dieser Blog soll nicht mit einer Rechtsberatung ins neue Jahr starten, es geht weiterhin um sprachliche Feinheiten und den Teufel, der auch hierbei wieder im Detail steckt.In Texten, die aus dem Russischen übersetzt wurden, liest man häufig den Begriff der „Autorenrechte“, mit denen jedoch in Wirklichkeit die „Urheberrechte“ gemeint sind. Diese sind im deutschen „Gesetz über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte“ (Urheberrechtsgesetz) geregelt, und im § 7 ist eindeutig definiert, was ein Urheber ist: „Urheber ist der Schöpfer des Werkes.“ Für denjenigen, der im russischen Sprachraum zu Hause ist, ist völlig klar, wer damit gemeint ist: der „автор“.

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Wenn sich an Bindewörtern die Geister scheiden

Solange es diesen Blog gibt, haben uns immer wieder Zweifelsfälle der Grammatik beschäftigt. Einer der am weitesten verbreiteten von ihnen ist die Frage, an welcher Stelle man die Konjunktion „als“ verwendet und wann man „wie“ sagt. Dass das offensichtlich wirklich nicht einfach ist, wurde mir endgültig bewusst, als ich in einem Gespräch erzählte, womit ich mich beruflich beschäftige, und mein Gesprächspartner mir daraufhin im Brustton der Überzeugung die für ihn offenbar eher rhetorische Frage stellte: „Aber ‚als‘ und ‚wie‘ verwechselst du doch auch, oder?“ Anscheinend war er bis dahin nicht einmal auf den Gedanken gekommen, dass es auch anders sein könnte.

Einen großen Anteil daran, dass „als“ von vielen Sprechern des Deutschen eher stiefmütterlich behandelt wird, während sie sich zu „wie“ wesentlich stärker hingezogen fühlen, haben sicher auch die deutschen Dialekte. Einige von ihnen (für das Berlin-Brandenburgische kann ich es eindeutig sagen, und auch im Sächsischen ist es wohl ähnlich) verwenden sehr häufig „wie“ an Stellen, an denen ein „als“ angebracht wäre. Dabei ist die Unterscheidung, wenn es sich um komparative Konjunktionen, also vergleichende Bindewörter, handelt, ganz einfach: Soll ein Unterschied dargestellt werden, kommt nur „als“ in Frage:

Dieses Kind ist anders als die anderen.
Katrin ist größer als Peter.
Diese Bluse gefällt mir besser als die andere.

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Ist doch logisch!

Auch wenn diese Reihe eigentlich ein Sprachblog ist, möchte ich an heute einmal darauf eingehen, dass es auch beim Lektorieren und Korrekturlesen nicht immer nur um sprachliche Feinheiten geht. Manchmal sind Sätze auf den ersten Blick grammatisch völlig richtig, und dennoch bedürfen sie dringend einer Korrektur, weil die Logik nicht gewahrt ist. So begegnete mir kürzlich in einem Buch der wunderbare Satzanfang „Als die Moorleichen noch lebendig waren, …“

An dieser Stelle war für mich die Versuchung groß, den Satz folgendermaßen zu beenden: „waren sie noch keine Moorleichen.“
Offensichtlich scheint die Endlichkeit des Seins ein wenig zu unlogischen Formulierungen zu verführen, oder wie sonst wäre der folgende Satz zu erklären: „Sie hat uns das nach ihrem Tod vererbt“? Nach ihrem Tod konnte sie ihren Willen ja nicht mehr äußern, also muss sie schon zu Lebzeiten verfügt haben, an wen das Erbe nach ihrem Tod übergeht. Eine so eindeutige Aktivkonstruktion würde ich an dieser Stelle deshalb ausschließen.

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Bitte lesen Sie laut!

Diesen Satz haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, sicher schon oft im Fremdsprachenunterricht gehört, doch nicht nur dort ist das Lautlesen ein sehr nützliches Hilfsmittel. Immer wieder habe ich an dieser Stelle schon aus dem Nähkästchen geplaudert – meist aus dem des Übersetzers.
Heute aber soll es um die Arbeit des Korrektors gehen bzw. um einen Arbeitsschritt, mit dem Sie als Autor oder Autorin ihrem Text den letzten Schliff geben und dem Lektor oder Korrektor, der Ihren Text unmittelbar nach Ihnen in die Hände bekommt, das Leben erheblich erleichtern können. Wir steigen genau an dem Punkt ein, an dem das zukünftige Buch – oder auch nur der jeweilige Text – eigentlich fertig ist und Sie sich das Ganze „nur noch einmal durchlesen“ wollen, um sicherzugehen, dass keine Tippfehler mehr enthalten sind oder Kommas fehlen. Genau für diesen Moment ist mein Aufruf aus der Überschrift gedacht: Bitte nehmen Sie sich die Zeit und lesen Sie Ihren Text laut vor – entweder sich selbst, denn auch dabei merkt man häufig schon, wo es „hakt“, oder jemandem, der Ihnen wohlgesinnt ist und sich den ganzen Text gern anhört und hier und da vielleicht auch noch die eine oder andere Ungereimtheit aufdeckt.

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Vom Kampf der Geschlechter

Keine Sorge, dies wird kein Artikel über das Gendern oder den aktuellen Stand der Feminismus-Debatte. Diese Büchse der Pandora lasse ich wohlweislich geschlossen, scheue mich aber nicht, dafür eine andere zu öffnen, deren Inhalt einem nicht erst beim Übersetzen, sondern bereits beim Spracherwerb begegnet, wenn man die erste Fremdsprache erlernt. Gemeint ist die Tatsache, dass Substantive in verschiedenen Sprachen auch ein unterschiedliches Genus aufweisen können, das sich bei Weitem nicht immer nach dem natürlichen Geschlecht richtet, wie es praktischerweise im Englischen der Fall ist.

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