Wenn sich an Bindewörtern die Geister scheiden

Solange es diesen Blog gibt, haben uns immer wieder Zweifelsfälle der Grammatik beschäftigt. Einer der am weitesten verbreiteten von ihnen ist die Frage, an welcher Stelle man die Konjunktion „als“ verwendet und wann man „wie“ sagt. Dass das offensichtlich wirklich nicht einfach ist, wurde mir endgültig bewusst, als ich in einem Gespräch erzählte, womit ich mich beruflich beschäftige, und mein Gesprächspartner mir daraufhin im Brustton der Überzeugung die für ihn offenbar eher rhetorische Frage stellte: „Aber ‚als‘ und ‚wie‘ verwechselst du doch auch, oder?“ Anscheinend war er bis dahin nicht einmal auf den Gedanken gekommen, dass es auch anders sein könnte.

Einen großen Anteil daran, dass „als“ von vielen Sprechern des Deutschen eher stiefmütterlich behandelt wird, während sie sich zu „wie“ wesentlich stärker hingezogen fühlen, haben sicher auch die deutschen Dialekte. Einige von ihnen (für das Berlin-Brandenburgische kann ich es eindeutig sagen, und auch im Sächsischen ist es wohl ähnlich) verwenden sehr häufig „wie“ an Stellen, an denen ein „als“ angebracht wäre. Dabei ist die Unterscheidung, wenn es sich um komparative Konjunktionen, also vergleichende Bindewörter, handelt, ganz einfach: Soll ein Unterschied dargestellt werden, kommt nur „als“ in Frage:

Dieses Kind ist anders als die anderen.
Katrin ist größer als Peter.
Diese Bluse gefällt mir besser als die andere.

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Ist doch logisch!

Auch wenn diese Reihe eigentlich ein Sprachblog ist, möchte ich an heute einmal darauf eingehen, dass es auch beim Lektorieren und Korrekturlesen nicht immer nur um sprachliche Feinheiten geht. Manchmal sind Sätze auf den ersten Blick grammatisch völlig richtig, und dennoch bedürfen sie dringend einer Korrektur, weil die Logik nicht gewahrt ist. So begegnete mir kürzlich in einem Buch der wunderbare Satzanfang „Als die Moorleichen noch lebendig waren, …“

An dieser Stelle war für mich die Versuchung groß, den Satz folgendermaßen zu beenden: „waren sie noch keine Moorleichen.“
Offensichtlich scheint die Endlichkeit des Seins ein wenig zu unlogischen Formulierungen zu verführen, oder wie sonst wäre der folgende Satz zu erklären: „Sie hat uns das nach ihrem Tod vererbt“? Nach ihrem Tod konnte sie ihren Willen ja nicht mehr äußern, also muss sie schon zu Lebzeiten verfügt haben, an wen das Erbe nach ihrem Tod übergeht. Eine so eindeutige Aktivkonstruktion würde ich an dieser Stelle deshalb ausschließen.

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Bitte lesen Sie laut!

Diesen Satz haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, sicher schon oft im Fremdsprachenunterricht gehört, doch nicht nur dort ist das Lautlesen ein sehr nützliches Hilfsmittel. Immer wieder habe ich an dieser Stelle schon aus dem Nähkästchen geplaudert – meist aus dem des Übersetzers.
Heute aber soll es um die Arbeit des Korrektors gehen bzw. um einen Arbeitsschritt, mit dem Sie als Autor oder Autorin ihrem Text den letzten Schliff geben und dem Lektor oder Korrektor, der Ihren Text unmittelbar nach Ihnen in die Hände bekommt, das Leben erheblich erleichtern können. Wir steigen genau an dem Punkt ein, an dem das zukünftige Buch – oder auch nur der jeweilige Text – eigentlich fertig ist und Sie sich das Ganze „nur noch einmal durchlesen“ wollen, um sicherzugehen, dass keine Tippfehler mehr enthalten sind oder Kommas fehlen. Genau für diesen Moment ist mein Aufruf aus der Überschrift gedacht: Bitte nehmen Sie sich die Zeit und lesen Sie Ihren Text laut vor – entweder sich selbst, denn auch dabei merkt man häufig schon, wo es „hakt“, oder jemandem, der Ihnen wohlgesinnt ist und sich den ganzen Text gern anhört und hier und da vielleicht auch noch die eine oder andere Ungereimtheit aufdeckt.

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Vom Kampf der Geschlechter

Keine Sorge, dies wird kein Artikel über das Gendern oder den aktuellen Stand der Feminismus-Debatte. Diese Büchse der Pandora lasse ich wohlweislich geschlossen, scheue mich aber nicht, dafür eine andere zu öffnen, deren Inhalt einem nicht erst beim Übersetzen, sondern bereits beim Spracherwerb begegnet, wenn man die erste Fremdsprache erlernt. Gemeint ist die Tatsache, dass Substantive in verschiedenen Sprachen auch ein unterschiedliches Genus aufweisen können, das sich bei Weitem nicht immer nach dem natürlichen Geschlecht richtet, wie es praktischerweise im Englischen der Fall ist.

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Sag mir, wie du heißt … (4)

Nachdem in den vorigen Blogbeiträgen im Wesentlichen auf Aspekte der Namensfindung eingegangen wurde, die bei Texten zum Tragen kommen, die in der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit spielen, betrifft die letzte Frage dieses Themenkreises auch gänzlich andere Textsorten, wie z. B. Märchen oder historsiche Romane.


Die vierte Konnotation von Namen, auf die hier eingegangen werden soll, ist die soziale, denn auch sie sollte man als Autor nicht außer Acht lassen, wenn man nach passenden Namen für seine Protagonisten sucht. So haben es die Begriffe „Kevinismus“, den der Autor Jan Weiler in einem Artikel für den „Stern“ bereits 2007 als Volkskrankheit bezeichnet hat, und „Chantalismus“ mittlerweile sogar in die Wikipedia geschafft. Mit diesen Termini bezeichnet man den Drang von Eltern, ihren Kindern möglichst exotisch klingende Namen zu geben, wie eben Kevin oder Chantal.

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Sag mir, wie du heißt … (3)

Nachdem im vorigen Artikel der lokale Aspekt der Namensfindung für Protagonisten schon angeklungen, wollen wir uns dieser Frage heute noch einmal intensiver widmen, denn nicht nur die nationale Zugehörigkeit spielt bei der Namensgebung eine Rolle, sondern auch die lokale bzw. regionale. So lassen sich bestimmte Vornamen mit Dialekten in Verbindung bringen, und man kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass ein Hauke, ein Hein oder ein Ubbo in Norddeutschland beheimatet ist, ein Korbinian höchstwahrscheinlich in Bayern und ein Beat oder eine Ursina in der Schweiz. Versetzt man nun Personen mit eindeutig dialektalen Namen in eine gänzlich andere Region, sollte auch das einen dramaturgischen Grund haben, der im Laufe der Handlung unbedingt erklärt werden müsste.

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Sag mir, wie du heißt … (2)

Nachdem wir im vorigen Beitrag begonnen haben, uns mit der Namensgebung für literarische Figuren zu befassen, soll heute auf einen weiteren Aspekt eingegangen werden, der dabei eine Rolle spielt. Die zweite Ebene der Namensgebung ist die zeitliche. So ist es zumindest im Deutschland des 20. Jahrhunderts relativ gut möglich, die jeweilige Figur anhand des Namens einer bestimmten Generation zuzuordnen. So hießen meine Urgroßmütter beispielsweise Helene, Luise, Dorette und meine Großmütter Elfriede und Hedwig. Hört man diese Namen heute, kann man für die damalige Zeit zumindest abschätzen, dass Erstere noch im 19. Jahrhundert, Letztere hingegen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts geboren wurden.
Waren in der Generation meiner Eltern Namen wie Jürgen, Achim und Gerhard bei den Männern verbreitet, hießen die Frauen Inge oder Ingeborg, Ursula und Helga. Diese Namen sind in meiner Generation ebenso selten zu finden wie die für uns typischen Namen Thomas, Steffen und Karsten oder Katrin, Susanne und Ines unter den Altersgenossen unserer Eltern. Natürlich gibt es immer wieder Ausnahmen, die die Regel bestätigen, und Namen, die trotz allem zeitlos sind; dennoch hat man, wenn man einen bestimmten Namen liest, erst einmal ein Bild von der jeweiligen Person im Kopf, zu dem auch diese zeitliche Einordnung gehört.

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Sag mir, wie du heißt … (1)

… und ich sage dir, wer du bist. So müsste dieser Satz weitergehen, würde man dem altbekannten Muster folgen. Ganz so ist es sicher nicht, denn das würde bei Weitem zu pauschal klingen. Dennoch können Namen etwas über die Biografie ihrer Träger aussagen, und ich finde, das sollten Autoren bei der Namensfindung für ihre literarischen Figuren berücksichtigen, wenn es sich um fiktionale Texte handelt. Zu unterscheiden sind hierbei nationale, temporale, lokale und soziale Konnotationen.
Die erste Frage, die sich bei der Vergabe eines Namens für eine Figur natürlich stellt, ist die Überlegung, wo diese Figur lebt und welchem Kulturkreis sie angehört. Dies gilt sowohl für eigene Texte als auch für Übersetzungen. Ein Beispiel für die Problematik bei Letzteren sind etwa die „Baskischen Erzählungen“ in der Übersetzung von Hans Josef Vermeer. Dieser berühmte Übersetzungswissenschaftler und Vater der Skopostheorie hat sich mit seiner Übersetzung selbst strikt an diese gehalten. Davon ausgehend, dass eine gute Übersetzung nicht wie eine Übersetzung klingen und beim Leser in der Zielsprache denselben Effekt erzielen soll wie beim Leser in der Sprache des Originals, hat er auch die Namen der Figuren verändert, damit sie für den deutschen Leser nicht „fremd“ klingen. So haben nun in diesen Erzählungen baskische Figuren Namen wie „Hinz“ und „Lutz“. Verfolgt man damit einen bestimmten Zweck – wie Vermeer, der mit seiner Übersetzung ein Anwendungsbeispiel für die Skopostheorie geschaffen hat- , ist ein solches Vorgehen legitim, solange man es für den Leser der Übersetzung an irgendeiner Stelle begründet.

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Vom Perspektivwechsel beim Übersetzen

Dass man Texte, und zwar vor allem literarische, nicht wortwörtlich übersetzen kann, wird spätestens dann auch dem Letzten klar, der es bis dahin noch nicht gewusst hat, wenn er das Produkt einer maschinellen Übersetzung in den Händen hält. Die Forderung, „nicht Wort für Wort, sondern Sinn für Sinn“ zu übersetzen, stellte bereits Hieronymus auf, der heute als Schutzpatron der Übersetzerzunft gilt. Sie findet sich später in Martin Luthers „Sendbrief vom Dolmetschen“ ebenso wieder wie in Fausts Monolog in der Szene „Studierzimmer“ im ersten Teil der berühmten Tragödie von Goethe.
So weit, so klar. Inzwischen gehen Menschen, die mehrere Sprachen beherrschen, jedoch mitunter noch einen Schritt weiter. So hört man, dass sich, je nachdem, in welcher Sprache man gerade kommuniziert, auch die Denkweise ein wenig ändert.

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Ist jede Äußerung eine Aussage?

Sie ahnen es sicher: Wenn dem so wäre, bedürfte es vermutlich nicht dieses Artikels. Da ich aber immer wieder in Texten auf Passagen treffe, in denen ich den einen Begriff durch den anderen ersetze, möchte ich an dieser Stelle wieder etwas Klarheit ins Dunkel der vermeintlichen Synonyme bringen. Eine Äußerung kann jegliche Art sein, sich oder etwas zu äußern, und zwar auch in Form von Ausrufen („Na, sieh mal einer an!“, „Hört! Hört!“), Interjektionen („Oh!“, „Pfui!“), lautmalerischen Sequenzen („Rums!“, „Hui!“) oder Grußwörtern („Hallo!“, „Tschüss!“). Ganze Bücher widmen sich inzwischen auch den nonverbalen Äußerungen, der sogenannten Körpersprache. Das kann ein geschickt platziertes Räuspern sein, eine im richtigen Moment hochgezogene Augenbraue oder auch die berühmte russische Geste des Schnipsens an den Hals als Antwort auf die Frage nach den Plänen für den Rest des Abends. All das sind durchaus Äußerungen – der Freude, des Erstaunens, der Missbilligung oder einer Absicht. Aussagen jedoch sind es nicht.

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