„Kein leeres Sie – ein innig Du“

Auch wenn die verschiedenen Anredeformen heute vielleicht nicht mehr ganz die intensive Bedeutung haben, die ihnen Puschkin in seinem berühmten Gedicht noch zugeschrieben hat, spielen sie in der täglichen Kommunikation – und damit natürlich auch in der Literatur – noch immer eine mitunter entscheidende Rolle. Da diese Rolle in verschiedenen Kommunikationsgemeinschaften sehr unterschiedlich sein kann, sind auch die Anredeformen immer wieder Gegenstand von Vorträgen zum Thema Interkulturelles Management. So sollen im Wirtschaftsleben Affronts vermieden werden, die im schlimmsten Fall zu einer Trübung der Geschäftsbeziehungen führen könnten.


Was aber heißt das für das Übersetzen literarischer Texte? Nachdem es hier bereits um mögliche Perspektivwechsel ging, soll diese Frage als spezielles Beispiel für diese Erscheinung gesondert beleuchtet werden. Ich selbst habe mich schon häufig dabei ertappt, dass ich, abhängig von der Sprache, in der ich mich gerade unterhalte, zu unterschiedlichen Zeitpunkten von der Höflichkeitsform in die vertraulichere wechsle, mit anderen Worten: Auf Russisch sieze ich deutlich länger als auf Deutsch.


Das hat natürlich mit den in den jeweiligen Kommunikationsgemeinschaften tradierten Umgangsformen zu tun: Während sich im deutschsprachigen Raum Studenten untereinander schon seit vielen Jahrzehnten duzen, war das in Russland auch vor dreißig Jahren bei Weitem noch nicht überall Standard. Ebenso ist es in Deutschland undenkbar, die eigenen Schwiegereltern zu siezen, während es in Russland beileibe keine Seltenheit ist, was möglicherweise auch mit der Tatsache zusammenhängt, dass man dort als Anrede den Vor- und Vatersnamen verwenden kann und deshalb zur Schwiegermutter nicht „Frau …“, gekoppelt mit dem eigenen Familiennamen, sagen muss. Grundsätzlich sind in Deutschland im Gegensatz zu Russland sogenannte asymmetrische Anredeformen (bei denen ein Gesprächspartner den anderen siezt, von diesem aber geduzt wird) außerhalb schulischer Situationen inzwischen sehr aus der Mode gekommen.


In Internetforen und sozialen Netzwerken ist es in Deutschland ein ungeschriebenes Gesetz, dass sich die Teilnehmer gegenseitig duzen, ebenso wie in Online-Spielen. Auch hierin unterscheiden sich russische und deutsche Gewohnheiten.
Inwieweit man die jeweilige Anrede beim Übersetzen in die andere Sprache übernimmt, hängt von der Übersetzungsstrategie ab, für die man sich im konkreten Fall entschieden hat. Folgt man der in erster Linie von Hans J. Vermeer vertretenen Skopostheorie, nach der eine Übersetzung beim Leser in der Zielsprache denselben Effekt hervorrufen soll wie das Original beim Leser in der Ausgangssprache, ist es nötig, die Anreden den entsprechenden Konventionen der Zielkultur anzupassen, um keine Verwirrung zu erzeugen. Deshalb werden z. B. die Mitspieler bei russischen Online-Spielen auf Deutsch geduzt.

Möchte man jedoch die Andersartigkeit der anderen Kultur für den zielsprachlichen Leser nachempfindbar machen, kann man natürlich die Figuren eines literarischen Werkes ihre Schwiegereltern siezen lassen.
Wichtig ist nur, sich der Ambivalenz dieser sprachlichen Standards bewusst zu sein und sie in der Übersetzung nicht aus Unachtsamkeit zu übernehmen. Denn wenn man sich einmal für eine der vielen Übersetzungsstrategien entschieden hat, von denen hier nur die beiden „Enden“ des möglichen Spektrums aufgeführt wurden, gilt es, diese Strategie konsequent zu verfolgen und für die gesamte Übersetzung durchzuhalten.

Carola Jürchott
www.lust-auf-geschichten.de