Dativ oder Genitiv – wer ist wessen Tod?

Der Titel der bekannten Buchreihe, demzufolge der Dativ dem Genitiv nach dem Leben trachtet, ist sicher jedem sprachlich Interessierten geläufig. Doch besteht diese „Lebensgefahr“ wirklich nur für den Genitiv, oder ist es nicht manchmal auch umgekehrt? Aufschluss bietet in dieser Frage ein grammatikalischer Fehler, der interessanterweise Muttersprachlern sowohl des Deutschen als auch des Russischen immer wieder unterläuft – jedem in seiner Sprache.
Wie man im Russischen immer wieder hört und leider auch liest, dass nach „согласно“ ein Genitiv angeschlossen wird („согласно чего?“), sehen sich auch im Deutschen viele bemüßigt, sowohl nach der Präposition „entsprechend“ als auch nach „laut“ bei einem Maskulinum oder einem Neutrum mit einem „des“ fortzufahren. (Bei femininen Substantiven stellt sich die Frage zumindest im Singular nicht, weil der Artikel in beiden Fällen – Genitiv und Dativ – „der“ lautet.)


Doch nur, weil viele Sprecher einen Fehler gleichermaßen machen, wird das Ergebnis nicht richtiger. Während der Duden bei „laut“ den Genitiv zumindest zulässt, verzeichnet er bei „entsprechend“ nur die Dativ-Rektion als zulässig.
Ähnlich verhält es sich mit „согласно“. Im russischen Internet findet man Artikel über Artikel, in denen die Frage, ob es „согласно чему“ oder „согласно чего“ heißen muss, eindeutig zugunsten der ersten Version beantwortet und die zweite als definitiv falsch markiert wird. Damit ist dies wohl einer der seltenen Fälle, in denen die Rektion im Russischen und Deutschen vollkommen übereinstimmt und selbst ihre falsche Verwendung sprachlich versiertere Sprecher hüben wie drüben gleichermaßen zusammenzucken lässt.


Dennoch gibt es im Deutschen noch einer Steigerung derartiger Fehlleistungen. Obwohl der Duden der Präposition „nach“ ausschließlich den Dativ zuschreibt, liest man immer wieder eine Kombination aus Genitiv und Dativ, die wahrscheinlich eine falsche Analogiebildung zu „meiner Meinung nach“ darstellt. Ich spreche hier von Äußerungen, die beginnen mit: „Meines Wissens nach …“ oder „Meines Erachtens nach …“ Während „meiner Meinung nach“ ein Dativ ist, der aufgrund des gleichlautenden Dativs und Genitivs im Femininum nicht sofort zu erkennen ist, handelt es sich bei „meines Wissens“ und „meines Erachtens“ um eindeutige Genitive, auf die keinesfalls ein „nach“ folgen kann, weil dies (ob nun voran- oder nachgestellt) einen Dativ erfordern würde.

Wie verbreitet der Irrglaube an die Richtigkeit dieser Kombination ist, wird deutlich, wenn man „meines Wissens“ in eine Handy-Nachricht eingibt. Mir wurde dabei von der Autokorrektur, die sich ja bekanntlich an der Häufigkeit der Verwendung einer Wortverbindung orientiert, als erstes Wort nach dieser Fügung „nach“ vorgeschlagen, sodass man wohl davon ausgehen muss, dass viele Nutzer vor mir es genau so eingegeben haben.
Lassen Sie uns also diese Entwicklung um- und gemeinsam wieder zu einem dudenkonformen Gebrauch dieser sprachlich so produktiven Wendungen zurückkehren!


Carola Jürchott


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