Wer mit wem?

Vor einiger Zeit las ich in einem Text einen Satz mit folgender Struktur: „Und dann organisierten wir mit meinen Kollegen eine Feier.“ Fast hätte ich darüber hinweggelesen, doch plötzlich läutete in einer hinteren Gehirnwindung ein Alarmglöckchen. Es schrillte nicht, und es war auch keine große Glocke, aber irgendetwas sagte mir: Hier stimmt etwas nicht. „… wir mit meinen Kollegen?“ Wer ist denn „wir“? Natürlich – gemeint war: „meine Kollegen und ich“.

Diese Konstruktionen mit „мы с“, die im Russischen so häufig verwendet werden, sind, scheint es mir etwas tückisch, denn sie springen einem im deutschen Sprachgebrauch gar nicht so sehr ins Auge wie andere Russizismen. So habe ich schon Menschen, die komplett zweisprachig aufgewachsen waren und beide Sprachen wirklich aus dem Effeff beherrschten, Dinge sagen hören wie. „Dort haben wir mit Barbara das und das gemacht.“

Genau das ist das Tückische: „Wer mit wem?“ weiterlesen

Eine Frage des Stils

Bin ich wirklich nicht mehr auf der Höhe der Zeit? Altmodisch, ein Dinosaurier? Ich hoffe, nicht. Dennoch höre ich immer wieder, dass sich die Sprache ja auch verändert und dass man diesen Veränderungen beim Schreiben Rechnung tragen müsse.

Dem stimme ich natürlich zu – ich lebe ja nicht im philologischen Elfenbeinturm. Aber muss es wirklich um jeden Preis sein? Das möchte ich energisch verneinen. Meines Erachtens gibt es nach wie vor Dinge, an denen auch die vielbeschworene Entwicklung der Sprache nichts ändern sollte, wie etwa an der Tatsache, dass es einen Unterschied zwischen gesprochener Sprache und Schriftsprache gibt.

So begegnen mir bei der Korrektur literarischer Texte immer wieder Wörter wie „rauf“ und „runter“, „rein“ und „raus“ und all ihre lexikalischen Geschwister und sonstigen Verwandten. Wie oft ändere ich letztendlich „was“ in „etwas“ und „mal“ in „einmal“!

Liebe Leserinnen und Leser, verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Natürlich weiß ich, dass das auch Mittel sein können, um beispielsweise Dialoge lebendiger wirken zu lassen. Aber genau das ist der Punkt: Tauchen diese Formen in der wörtlichen Rede auf und dienen dazu, die individuelle Sprechweise einer handelnden Person zu charakterisieren, halte auch ich diese Varianten für durchaus begrüßenswert. Im reinen Erzähltext jedoch sollte man sich (natürlich je nach Textsorte) in der Regel an einem neutralen Funktionalstil orientieren. Hier ist die Schriftsprache nach wie vor vorzuziehen. „Eine Frage des Stils“ weiterlesen

Reflexiv oder nicht?

Ist es Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, auch schon passiert, dass Sie einen Satz gelesen und sich zunächst gefragt haben, ob er richtig ist oder nicht, um dann festzustellen, dass Sie selbst auf dem Holzweg waren?

Mir ist es kürzlich so ergangen, als ich in einem Roman las, dass zwei Menschen beim Essen etwas abseits saßen und „sich die Münder mit Stoffservietten abtupften“. Da es sich bei den beiden Protagonisten um ein Ehepaar handelte, hatte ich sofort ein Bild im Kopf, wie sie sich gegenseitig betupften. Ich wollte diese Vorstellung gerade rührend finden, als mir mein Denkfehler klar wurde: Natürlich war jeder mit seiner eigenen Serviette beschäftigt, schließlich stand dort nicht, dass sie „einander die Münder abtupften“.

Genau hier liegt der sprichwörtliche Hund begraben: Dadurch, dass man in der Umgangssprache „einander“ gern durch „sich“ ersetzt und das mittlerweile auch in den Medien nicht selten zu finden ist, entstehen mitunter Missverständnisse an Stellen, wo sie gar nicht nötig wären. Wie gesagt, in diesem Fall lag der Fehler bei mir, doch damit Ihnen nicht Ähnliches widerfährt, möchte ich noch einmal kurz darauf eingehen, wann man das reflexive „sich“ benutzt und wann man es besser vermeiden sollte. „Reflexiv oder nicht?“ weiterlesen

Von Auslassungszeichen und ausgelassener Zeichensetzung

Unterstützung für Kid’s

Als ich kürzlich diese Werbung las, wurde mir klar, dass die inflationäre Verwendung eines Zeichens, das eigentlich Auslassungen anzeigen sollte, offensichtlich eine neue Stufe erreicht hat. Immer wieder liest man in letzter Zeit vom sogenannten Deppen-Apostroph, der, wenn er einen Genitiv markieren soll, aus dem Englischen ins Deutsche geradezu herübergeschwappt ist. Gemeint ist damit die regelwidrige Verwendung des Apostrophs an Stellen, wo dieser gänzlich überflüssig ist. Dieses Phänomen ist jedoch meist bei Genitivformen zu finden; mit ihm, wie oben geschehen, auch noch eine Pluralform zu bilden, ist dann schon gewissermaßen die „hohe Schule“.

Hält man sich an althergebrachte Regeln des Hochdeutschen, genügt für die Kennzeichnung des 2. Falls in der Grammatik nämlich das s, das ohne weitere Zeichen an den jeweiligen Namen angehängt wird. Unverzichtbar ist der Apostroph nur in einem einzigen Fall: wenn der Name, der in den Genitiv gesetzt werden soll, mit einem reinen oder modifizierten s-Laut endet, also auf –s, -ss, -ß, -z, -tz oder –x. Hier wird nämlich das zusätzliche s, mit dem der Genitiv gebildet werden sollte, ausgelassen. „Günter Grass‘ Roman“ und „Ringelnatz‘ Humor“ sind also richtig, während „Günter’s Blechtrommel“ und „Joachim’s Gedichte“ wohl bei beiden zumindest ein Stirnrunzeln hervorrufen würden. „Von Auslassungszeichen und ausgelassener Zeichensetzung“ weiterlesen

Ein Antibiotikum und viele Periodika

Haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, auch manchmal das Gefühl, mit Ihrem Latein buchstäblich am Ende zu sein? Dann sind Sie damit auf keinen Fall allein, denn immer wieder hört man (und manchmal liest man es sogar), dass die Unterscheidung zwischen Singular- und Pluralformen von Wörtern, die aus dem Lateinischen stammen und dort auf „-um“ enden, vielen Menschen auch im Deutschen Schwierigkeiten bereiten.
Da werden dann die Pluralformen, die auf „-a“ enden, behandelt, als wären sie eine Einzahl, und bekommen im schlimmsten Fall auch noch den Artikel buchstäblich vor die Nase gesetzt, der eigentlich der Singularform zustände. Besonders Übereifrige hängen dann an diese Form noch das Plural-s, wenn sie ausdrücken möchten, dass nicht nur von der Einzahl die Rede ist. „Ein Antibiotikum und viele Periodika“ weiterlesen

Samt und sonders

(Teufel steckt im Detail – 21)

Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen den Mengenangaben „sämtlich“ und „gesamt“? Was den Sinngehalt dieser Wörter betrifft, kann man diese Frage zunächst verneinen. Es geht jeweils darum, eine komplette Menge oder etwas Komplettes, also 100%, zu bezeichnen – ohne eine Ausnahme. Dennoch, liebe Leserinnen und Leser, ahnen Sie es: Auch hier steckt der Teufel im Detail, nämlich in der Verwendung beider Adjektive.

„Sämtlich“ ist laut Duden ein Synonym für „all“. Damit ist klar, dass man „alle“ problemlos durch „sämtliche“ ersetzen kann, speziell, wenn man die Ausnahmslosigkeit besonders betonen möchte. Die Verwendung im Plural ist damit also hinreichend geklärt.

Allerdings bietet der Duden auch Beispiele an wie „sämtlicher aufgehäufte/aufgehäufter Sand“ oder „sämtliches beschlagnahmte Eigentum“. Hier wird deutlich, dass sich auch „sämtliche“ nicht ausschließlich auf Pluralformen beziehen muss. Bei den bezeichneten Mengen handelt es sich also um etwas Zähl- oder Messbares, wobei meist noch ein weiteres Attribut eingefügt wird, um etwa das „beschlagnahmte Eigentum“ vom nicht beschlagnahmtem abzugrenzen. Auch hier ließen sich die einzelnen Formen von „sämtlich“ (wenn auch stilistisch weniger gelungen) durch die entsprechenden Formen von „all“ ersetzen. Nutzt man das Adjektiv in seiner Form als Adverb („Seine Gedichte sind sämtlich im freien Versmaß geschrieben.“), kann es auch durch die feststehende Wendung „samt und sonders“ ersetzt werden.

„Gesamt“ hingegen steht nicht für eine vollständige Anzahl oder Menge von etwas Zähl- oder Messbarem, sondern für etwas komplettes Einzelnes: „die gesamte Bevölkerung“, „der gesamte Roman“ usw. Hier ist im Singular nur „gesamt“ zu verwenden.

Im Plural hingegen kommt es auf die Perspektive an.

Möchte man ausdrücken, dass bei mehreren Substantiven ein jedes von ihnen in seiner Gänze betroffen ist, verwendet man „die gesamten“: „Die gesamten Bücher wurden im Flattersatz gedruckt.“ Das bedeutet, man möchte betonen, dass es innerhalb der einzelnen Bücher keine Seite gibt, die im Blocksatz steht.

Schreibt man jedoch: „Sämtliche Bücher wurden im Flattersatz gedruckt.“, liegt das Hauptaugenmerk auf der Information, dass es kein Buch gibt, das davon eine Ausnahme bildet.

Carola Jürchott

www.lust-auf-geschichten.de

Von Nudeln, Bären und Verstauchungen

Kann man im Deutschen eigentlich jemandem Nudeln über die Ohren hängen? Diese Frage haben mir schon öfter russischsprachige Freunde gestellt, die des Deutschen nicht mächtig sind und bei dem Versuch gescheitert waren, einem Ausländer den Sinn dieser Redewendung deutlich zu machen. Sie, liebe Leser, wissen es: Natürlich kann man es nicht, denn Redewendungen lassen sich nun einmal in den meisten Fällen nicht wörtlich in eine andere Sprache übersetzen.
Im Deutschen kann man in eben jener Bedeutung, wenn man denn bei der Nudel bleiben möchte, jemanden auf die Nudel schieben. Diese Redewendung ist nach meiner Erfahrung jedoch nicht mehr allzu stark verbreitet und wird wohl eher regional von der älteren Generation verwendet und von der mittleren immerhin noch verstanden.

Ansonsten wird hier häufiger Meister Petz bemüht, denn jemandem einen Bären aufzubinden ist keineswegs aus der Mode gekommen. Auch in anderen Zusammenhängen bemüht man bei uns den braunen Waldbewohner. So kann man beispielsweise auf der Bärenhaut liegen, während man Däumchen dreht (hierbei handelt es sich de facto um Synonyme). „Von Nudeln, Bären und Verstauchungen“ weiterlesen

Wer hat wo studiert?

Immer wieder lese ich in Lebensläufen und Kurzbiografien, jemand habe in der ehemaligen Sowjetunion am „Pädagogischen Institut“ oder einer ähnlichen Einrichtung studiert. Bei Lesern in Deutschland kann das unter Umständen zu Verwirrung führen, denn der Institutsbegriff wird hier etwas anders gehandhabt. So ist ein Institut in der Regel ein Teil einer Hochschule oder einer Universität bzw. eine eigenständige Forschungseinrichtung. An der Humboldt-Universität zu Berlin gibt es beispielsweise das Institut für Slawistik, das Institut für Theoretische Biologie etc. Hier würde man außer der Institutsangabe jedoch immer die Bezeichnung der Universität nennen, an der man studiert hat. Eigenständige Studieneinrichtungen, die dem russischen „институт“ entsprechen, werden in Deutschland eher als Hochschule bezeichnet. Deshalb würde ich diesen Begriff in den jeweiligen Lebensläufen immer vorziehen, erst recht, weil es in Deutschland durchaus auch Pädagogische Hochschulen gibt. (Zwar gab es in der DDR auch das Institut für Lehrerbildung, jedoch war das ein feststehender Begriff für die Ausbildung von Grundschullehrern.) Der besseren Lesbarkeit halber würde ich übrigens den Städtenamen immer undekliniert ans Ende der Bezeichnung setzten, wenn es sich nicht um Universitäten handelt, die bereits einen im Deutschen etablierten Namen haben wie die Moskauer Lomonossow-Universität. „Wer hat wo studiert?“ weiterlesen

Republik und Vaterland

Keine Sorge, liebe Leserinnen und Leser, auch wenn die Überschrift diesmal recht patriotisch daherkommt, geht es hier weiterhin um sprachliche Fragen, und zwar wieder einmal um Feinheiten, denn auch ganz dünne Schlingen können sich als genau das herausstellen, was man beim Schreiben eigentlich vermeiden möchte, nämlich Fallstricke. Besonders gemeine „Fallensteller“ sind die so genannten Falschen Freunde. Damit werden in der Sprachwissenschaft Wortpaare (oder auch Wortfügungen) bezeichnet, die einander in unterschiedlichen Sprachen stark ähneln, letztlich aber doch Bedeutungsunterschiede aufweisen. Diese Differenzen können sämtliche Bedeutungen und Verwendungsweisen der betreffenden Wörter umfassen oder einzelne Teile davon. Da im Spannungsfeld zwischen dem Russischen und dem Deutschen eine Unmenge dieser Falschen Freunde lauert, werden sie uns an dieser Stelle sicher noch öfter beschäftigen.

Wie gesagt, manchmal sind es nur kleine Teile eines lexikalischen Universums, in denen sich die Fallstricke verbergen. So sind die Wörter „Republik“ und „Vaterland“ im Deutschen praktisch gleichbedeutend mit „республика“ und „отечество“ und werden auch im selben Kontext verwendet. Anders verhält es sich jedoch mit den dazugehörigen Adjektiven. „Republik und Vaterland“ weiterlesen

Das tückische s

Gehört es sich, einen eigentlich harmlosen Buchstaben als hinterlistig zu bezeichnen? Wahrscheinlich nicht, er kann ja nichts dafür. Dennoch könnte einem der Gedanke durchaus kommen, wenn man sieht, wie stark sich eine Bedeutung durch ihn in dem einen Fall verändern kann, während sie in anderen, vermeintlich gleich gelagerten, problemlos erhalten bleibt. Vor Kurzem las ich in einem Kommentar in den sozialen Medien als Reaktion auf ein Gewaltverbrechen folgenden Satz: „Mir tut erstmals die Familie des Opfers leid.“ Ich muss gestehen, dass ich erstmal zusammenzuckte, als ich das sah. Sollte jemand wirklich so gefühllos sein, dass er vorher noch nie Mitleid mit der Familie eines Opfers empfunden hatte?

Im nächsten Moment dämmerte es mir: Das s war schuld! Eigentlich hatte der Verfasser des Kommentars sicher sagen wollen, dass für ihn die Familie des Opfers im Vordergrund steht, er „erstmal Mitleid mit ihnen empfindet“!
In dieser Kombination ändert ein klitzekleines s nämlich alles. Während es bei „nochmal“ oder „nochmals“ völlig egal und eher Geschmackssache ist, ob man das s am Wortende stehen lässt, und es bei „abermals“, „ehemals“, „vormals“ und „einstmals“ gar keine andere Möglichkeit gibt, das Adverb zu bilden, sieht die Sache im Fall von „erstmal“ und „erstmals“ völlig anders aus. „Das tückische s“ weiterlesen