Wer hat wo studiert?

Immer wieder lese ich in Lebensläufen und Kurzbiografien, jemand habe in der ehemaligen Sowjetunion am „Pädagogischen Institut“ oder einer ähnlichen Einrichtung studiert. Bei Lesern in Deutschland kann das unter Umständen zu Verwirrung führen, denn der Institutsbegriff wird hier etwas anders gehandhabt. So ist ein Institut in der Regel ein Teil einer Hochschule oder einer Universität bzw. eine eigenständige Forschungseinrichtung. An der Humboldt-Universität zu Berlin gibt es beispielsweise das Institut für Slawistik, das Institut für Theoretische Biologie etc. Hier würde man außer der Institutsangabe jedoch immer die Bezeichnung der Universität nennen, an der man studiert hat. Eigenständige Studieneinrichtungen, die dem russischen „институт“ entsprechen, werden in Deutschland eher als Hochschule bezeichnet. Deshalb würde ich diesen Begriff in den jeweiligen Lebensläufen immer vorziehen, erst recht, weil es in Deutschland durchaus auch Pädagogische Hochschulen gibt. (Zwar gab es in der DDR auch das Institut für Lehrerbildung, jedoch war das ein feststehender Begriff für die Ausbildung von Grundschullehrern.) Der besseren Lesbarkeit halber würde ich übrigens den Städtenamen immer undekliniert ans Ende der Bezeichnung setzten, wenn es sich nicht um Universitäten handelt, die bereits einen im Deutschen etablierten Namen haben wie die Moskauer Lomonossow-Universität. „Wer hat wo studiert?“ weiterlesen

Republik und Vaterland

Keine Sorge, liebe Leserinnen und Leser, auch wenn die Überschrift diesmal recht patriotisch daherkommt, geht es hier weiterhin um sprachliche Fragen, und zwar wieder einmal um Feinheiten, denn auch ganz dünne Schlingen können sich als genau das herausstellen, was man beim Schreiben eigentlich vermeiden möchte, nämlich Fallstricke. Besonders gemeine „Fallensteller“ sind die so genannten Falschen Freunde. Damit werden in der Sprachwissenschaft Wortpaare (oder auch Wortfügungen) bezeichnet, die einander in unterschiedlichen Sprachen stark ähneln, letztlich aber doch Bedeutungsunterschiede aufweisen. Diese Differenzen können sämtliche Bedeutungen und Verwendungsweisen der betreffenden Wörter umfassen oder einzelne Teile davon. Da im Spannungsfeld zwischen dem Russischen und dem Deutschen eine Unmenge dieser Falschen Freunde lauert, werden sie uns an dieser Stelle sicher noch öfter beschäftigen.

Wie gesagt, manchmal sind es nur kleine Teile eines lexikalischen Universums, in denen sich die Fallstricke verbergen. So sind die Wörter „Republik“ und „Vaterland“ im Deutschen praktisch gleichbedeutend mit „республика“ und „отечество“ und werden auch im selben Kontext verwendet. Anders verhält es sich jedoch mit den dazugehörigen Adjektiven. „Republik und Vaterland“ weiterlesen

Das tückische s

Gehört es sich, einen eigentlich harmlosen Buchstaben als hinterlistig zu bezeichnen? Wahrscheinlich nicht, er kann ja nichts dafür. Dennoch könnte einem der Gedanke durchaus kommen, wenn man sieht, wie stark sich eine Bedeutung durch ihn in dem einen Fall verändern kann, während sie in anderen, vermeintlich gleich gelagerten, problemlos erhalten bleibt. Vor Kurzem las ich in einem Kommentar in den sozialen Medien als Reaktion auf ein Gewaltverbrechen folgenden Satz: „Mir tut erstmals die Familie des Opfers leid.“ Ich muss gestehen, dass ich erstmal zusammenzuckte, als ich das sah. Sollte jemand wirklich so gefühllos sein, dass er vorher noch nie Mitleid mit der Familie eines Opfers empfunden hatte?

Im nächsten Moment dämmerte es mir: Das s war schuld! Eigentlich hatte der Verfasser des Kommentars sicher sagen wollen, dass für ihn die Familie des Opfers im Vordergrund steht, er „erstmal Mitleid mit ihnen empfindet“!
In dieser Kombination ändert ein klitzekleines s nämlich alles. Während es bei „nochmal“ oder „nochmals“ völlig egal und eher Geschmackssache ist, ob man das s am Wortende stehen lässt, und es bei „abermals“, „ehemals“, „vormals“ und „einstmals“ gar keine andere Möglichkeit gibt, das Adverb zu bilden, sieht die Sache im Fall von „erstmal“ und „erstmals“ völlig anders aus. „Das tückische s“ weiterlesen

Aus dem Nähkästchen geplaudert (2)

Im vorigen Blogeintrag habe ich bereits aus dem Nähkästchen der Übersetzer geplaudert und möchte das in dieser Woche noch ein wenig fortsetzen. Ebensolcher Aufmerksamkeit wie Realienbezeichnungen bedürfen nämlich Eigennamen und Zitate. Eigennamen wie zum Beispiel Produktbezeichnungen werden häufig nicht übersetzt, sondern einfach übernommen. So gab es in der DDR beispielsweise auch Fernseher mit den Namen „Junost“ und „Raduga“, und jeder wusste, dass die Regierungsfahrzeuge „Tschaika“ (und nicht etwa „Möwe“) hießen. Hierbei ist nur darauf zu achten, dass das grammatische Geschlecht sich unter Umständen verändern kann. So sind der Lada und der Machorka im Deutschen männlich, während die Matroschka und der Samowar ihr jeweiliges Geschlecht behalten durften. In diesen Fällen hilft einem aber meist sogar schon der Duden weiter.

Auch bei Zitaten ist es manchmal ratsam, auf Praktiken zurückzugreifen, die zum Handwerk der Übersetzer gehören. Dass es Bibelzitate in beiden Sprachen gibt, versteht sich von selbst, und deshalb sollte man sie auf keinen Fall selbst neu übersetzen. Hier muss man im Deutschen jedoch eventuell darauf achten, für wen der Text bestimmt ist, und danach die jeweils passende Bibelübersetzung auswählen. Zumindest in evangelisch geprägten Regionen ist die Luther-Übersetzung die geläufigste, während die katholische Kirche mit der Einheitsübersetzung arbeitet. „Aus dem Nähkästchen geplaudert (2)“ weiterlesen

Aus dem Nähkästchen geplaudert (1)

Können Übersetzer Korrektur lesen? Ja, und es ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Sei es nun zweisprachig, um das Vier-Augen-Prinzip zu wahren (ein Übersetzer übersetzt einen Text, ein anderer liest Korrektur) und damit für die Qualitätssicherung zu sorgen, oder einsprachig als Teil des eigenen Geschäftsmodells. So weit, so klar, und einige Autoren, die sich auf eine Sprache festgelegt haben und ausschließlich in dieser schreiben, werden sich nun vielleicht fragen: Was geht uns das an? Interessant für diesen Blog ist genau die Schnittmenge aus den beiden oben beschriebenen Tätigkeitsfeldern, wenn in einem Text in der einen Sprache Dinge und Ereignisse beschrieben werden, die zur Geschichte eines anderen Landes gehören. In diesem Fall kann ein kleiner Einblick in die Arbeitswelt eines Übersetzers meines Erachtens nicht schaden.

In den Texten russlanddeutscher Autoren, die ich zum Lesen bekomme, geht es häufig um Erfahrungen aus der Zeit der Sowjetunion. Daher liegt es in der Natur der Sache, dass darin Begriffe auftauchen, die vermeintlich einzigartig sowjetische Realia bezeichnen. Ich schreibe bewusst „vermeintlich“, denn bei dem Versuch, diese dem deutschen Leser nahezubringen, wird ein Aspekt häufig außer Acht gelassen. So las ich neulich in einem solchen Text das Wort „Pionierführerin“, das offensichtlich auf das russische „пионервожатая“ zurückging. Abgesehen davon, dass sich die deutsche Gegenwartssprache mit Wortzusammensetzungen, die den Bestandteil „-führer“ enthalten, ohnehin schwertut, war sich der Autor offensichtlich nicht der Tatsache bewusst, dass es für genau diese Begriffe „Aus dem Nähkästchen geplaudert (1)“ weiterlesen

Ausgang, Ausweg oder … ?

Es ist schon eine ganze Weile her, da las ich über einem Theaterstück, das sich mit der Auswanderung der Russlanddeutschen befasste, zu meinem Erstaunen den deutschen Titel „Ausweg“ – wohl wissend, dass im russischen Original „Исход“ gestanden hatte. Sicher, für die meisten wird die Auswanderung der Ausweg gewesen sein, aber eigentlich verbirgt sich hinter dem Originaltitel doch noch etwas anderes, immerhin stand dort nicht „Выход“, sondern eben „Исход“. Inzwischen sind mir auch andere Varianten untergekommen, mit denen das russische „исход“ ins Deutsche übertragen wurde. Häufig waren es Formulierungen, die den Begriff „Ausgang“ enthielten. Das ist auch gar nicht unbedingt falsch, wenn auch nicht in dem oben angesprochenen Kontext.

Wenn wir beispielsweise an Redewendungen wiе „фатальный исход“ denken, so kann man im Deutschen durchaus von einem „fatalen Ausgang“ einer Geschichte etc. sprechen. (In den Nachdichtungen von Wyssozkis berühmtem „Я не люблю“ habe ich für die erste Zeile allerdings nur wesentlich deutlichere Formulierungen im Deutschen gefunden – von „Selbstmord“ bis „ein Ende bereiten“, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es die oben zitierte Wendung durchaus gibt.) Geht es aber um Ausreisebewegungen, erst recht in der Verbindung mit dem Attribut „massenhaft“, bezieht sich das russische „исход“ auf etwas völlig anderes. Da das Wort ansonsten zum alltäglichen Sprachgebrauch gehört, mag das auf den ersten Blick gar nicht so auffallen – im Gegensatz zu seinem deutschen Äquivalent. Dieses ist nämlich im Unterschied zum russischen „исход“ kein Polysem und wird daher nur in diesem Zusammenhang gebraucht.

Der Ursprung ist in beiden Fällen die Bibel, und zwar das 2. Buch Mose. Es heißt im Russischen „Исход“ und im Deutschen „Exodus“. Genau dieses Wort ist es auch, das in deutschen Reportagen und ähnlichen Texten immer wieder zu hören und zu lesen ist, wenn es um Migrationsbewegungen aller Art geht, häufig auch in der Wortfügung „massenhafter Exodus“. Deshalb sollte man sich, wenn man vom russischen Wort „исход“ ausgeht, stets überlegen, ob es sich um das Ende einer Geschichte oder einer Entwicklung, also deren „Ausgang“, oder das Auswandern einer Menschenmenge in buchstäblich biblischem Ausmaß handelt, denn dann ist der gewählte Ausweg der Exodus.

Carola Jürchott

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