Aus dem Nähkästchen geplaudert (2)

Im vorigen Blogeintrag habe ich bereits aus dem Nähkästchen der Übersetzer geplaudert und möchte das in dieser Woche noch ein wenig fortsetzen. Ebensolcher Aufmerksamkeit wie Realienbezeichnungen bedürfen nämlich Eigennamen und Zitate. Eigennamen wie zum Beispiel Produktbezeichnungen werden häufig nicht übersetzt, sondern einfach übernommen. So gab es in der DDR beispielsweise auch Fernseher mit den Namen „Junost“ und „Raduga“, und jeder wusste, dass die Regierungsfahrzeuge „Tschaika“ (und nicht etwa „Möwe“) hießen. Hierbei ist nur darauf zu achten, dass das grammatische Geschlecht sich unter Umständen verändern kann. So sind der Lada und der Machorka im Deutschen männlich, während die Matroschka und der Samowar ihr jeweiliges Geschlecht behalten durften. In diesen Fällen hilft einem aber meist sogar schon der Duden weiter.

Auch bei Zitaten ist es manchmal ratsam, auf Praktiken zurückzugreifen, die zum Handwerk der Übersetzer gehören. Dass es Bibelzitate in beiden Sprachen gibt, versteht sich von selbst, und deshalb sollte man sie auf keinen Fall selbst neu übersetzen. Hier muss man im Deutschen jedoch eventuell darauf achten, für wen der Text bestimmt ist, und danach die jeweils passende Bibelübersetzung auswählen. Zumindest in evangelisch geprägten Regionen ist die Luther-Übersetzung die geläufigste, während die katholische Kirche mit der Einheitsübersetzung arbeitet. „Aus dem Nähkästchen geplaudert (2)“ weiterlesen

Aus dem Nähkästchen geplaudert (1)

Können Übersetzer Korrektur lesen? Ja, und es ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Sei es nun zweisprachig, um das Vier-Augen-Prinzip zu wahren (ein Übersetzer übersetzt einen Text, ein anderer liest Korrektur) und damit für die Qualitätssicherung zu sorgen, oder einsprachig als Teil des eigenen Geschäftsmodells. So weit, so klar, und einige Autoren, die sich auf eine Sprache festgelegt haben und ausschließlich in dieser schreiben, werden sich nun vielleicht fragen: Was geht uns das an? Interessant für diesen Blog ist genau die Schnittmenge aus den beiden oben beschriebenen Tätigkeitsfeldern, wenn in einem Text in der einen Sprache Dinge und Ereignisse beschrieben werden, die zur Geschichte eines anderen Landes gehören. In diesem Fall kann ein kleiner Einblick in die Arbeitswelt eines Übersetzers meines Erachtens nicht schaden.

In den Texten russlanddeutscher Autoren, die ich zum Lesen bekomme, geht es häufig um Erfahrungen aus der Zeit der Sowjetunion. Daher liegt es in der Natur der Sache, dass darin Begriffe auftauchen, die vermeintlich einzigartig sowjetische Realia bezeichnen. Ich schreibe bewusst „vermeintlich“, denn bei dem Versuch, diese dem deutschen Leser nahezubringen, wird ein Aspekt häufig außer Acht gelassen. So las ich neulich in einem solchen Text das Wort „Pionierführerin“, das offensichtlich auf das russische „пионервожатая“ zurückging. Abgesehen davon, dass sich die deutsche Gegenwartssprache mit Wortzusammensetzungen, die den Bestandteil „-führer“ enthalten, ohnehin schwertut, war sich der Autor offensichtlich nicht der Tatsache bewusst, dass es für genau diese Begriffe „Aus dem Nähkästchen geplaudert (1)“ weiterlesen

Ausgang, Ausweg oder … ?

Es ist schon eine ganze Weile her, da las ich über einem Theaterstück, das sich mit der Auswanderung der Russlanddeutschen befasste, zu meinem Erstaunen den deutschen Titel „Ausweg“ – wohl wissend, dass im russischen Original „Исход“ gestanden hatte. Sicher, für die meisten wird die Auswanderung der Ausweg gewesen sein, aber eigentlich verbirgt sich hinter dem Originaltitel doch noch etwas anderes, immerhin stand dort nicht „Выход“, sondern eben „Исход“. Inzwischen sind mir auch andere Varianten untergekommen, mit denen das russische „исход“ ins Deutsche übertragen wurde. Häufig waren es Formulierungen, die den Begriff „Ausgang“ enthielten. Das ist auch gar nicht unbedingt falsch, wenn auch nicht in dem oben angesprochenen Kontext.

Wenn wir beispielsweise an Redewendungen wiе „фатальный исход“ denken, so kann man im Deutschen durchaus von einem „fatalen Ausgang“ einer Geschichte etc. sprechen. (In den Nachdichtungen von Wyssozkis berühmtem „Я не люблю“ habe ich für die erste Zeile allerdings nur wesentlich deutlichere Formulierungen im Deutschen gefunden – von „Selbstmord“ bis „ein Ende bereiten“, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es die oben zitierte Wendung durchaus gibt.) Geht es aber um Ausreisebewegungen, erst recht in der Verbindung mit dem Attribut „massenhaft“, bezieht sich das russische „исход“ auf etwas völlig anderes. Da das Wort ansonsten zum alltäglichen Sprachgebrauch gehört, mag das auf den ersten Blick gar nicht so auffallen – im Gegensatz zu seinem deutschen Äquivalent. Dieses ist nämlich im Unterschied zum russischen „исход“ kein Polysem und wird daher nur in diesem Zusammenhang gebraucht.

Der Ursprung ist in beiden Fällen die Bibel, und zwar das 2. Buch Mose. Es heißt im Russischen „Исход“ und im Deutschen „Exodus“. Genau dieses Wort ist es auch, das in deutschen Reportagen und ähnlichen Texten immer wieder zu hören und zu lesen ist, wenn es um Migrationsbewegungen aller Art geht, häufig auch in der Wortfügung „massenhafter Exodus“. Deshalb sollte man sich, wenn man vom russischen Wort „исход“ ausgeht, stets überlegen, ob es sich um das Ende einer Geschichte oder einer Entwicklung, also deren „Ausgang“, oder das Auswandern einer Menschenmenge in buchstäblich biblischem Ausmaß handelt, denn dann ist der gewählte Ausweg der Exodus.

Carola Jürchott

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