Buchtipp: „Meins!“ von Ida Häusser

von Agnes Gossen

Auf dem Titelblatt des ersten Buches von Ida Häusser „Meins!“ ist die kasachische Frühlingssteppe – von weißen, gelben und roten Tulpen übersät. Das ist eines von den Bildern, die in ihrem Gedächtnis für immer geblieben sind, als sie im Mai 1981 vor ihrer Ausreise nach Deutschland Abschied von ihr nahm, und der Wind ihr den Blütenstaub ins Gesicht blies. „Ich wünschte mir riesige, kilometerlange Arme, damit ich die unfassbare Herrlichkeit umarmen und an mich drücken könnte. Wie ein kleines Kind, das ein lieb gewonnenes Spielzeug nicht hergeben will, wollte ich diese stille Schönheit umklammern und, trotzig die Tränen hochschniefen und mit dem Fuß stapfen und immer wieder Meins! rufen.“
Das ist die Stimme einer Achtzehnjährigen, die sich mit 50 immer noch genau an den Abschied von der Tulpensteppe erinnert. Obwohl Ida Häusser sich ab und zu beklagt, dass es immer nur Bruchstücke, Gedächtnisblitze aus ihrer Kindheit sind, die ab und zu auftauchen, ist es ihr gelungen, mit Beharrlichkeit nachzuforschen und ein stimmiges Bild des Lebens in Kasachstan bewusst und wehmütig zu schildern.

Erinnerungen empfindet sie als etwas Ureigenes wie den Atem, wie das Blut, – näher geht es nicht. „Mit Bewusstseinsfingern wund gegraben“, wie sie es bezeichnet, findet sie im empfundenen Sandmatsch bunt glitzernde Steinchen ihrer Erinnerungen aus der Kindheit. Ida Häusser ist von Kindesbeinen an eine Sammlerin. Damals waren es „sekretiki“, versteckte Schätzchen, kleine Geheimnisse, kurze Momente ihres Erwachsenwerdens, Alltagserlebnisse – ein besonderer Baum, die für die Familie überlebenswichtige Kuh, der Tagesablauf in der kinderreichen Familie, die Tulpen in der Steppe -, dies alles sind Mosaiksteinchen, mittels derer sie für den Leser ein Bild ihres Lebens zusammengefügt.

Wie die Autorin berichtet, hat sie bei der Entstehung dieses Büchleins sehr der VHS-Kurs „Autobiographisches Schreiben“ motiviert, wo sie die ersten Schreibschritte unternahm und mit Eltern und ihren zwölf Geschwistern die gemeinsame Erinnerungen „aufwärmte“ und dass ihre Schwester Lena das Buchcover mit den Tulpen entwarf. Im Kapitel „Meine drei Dinge“ schreibt sie über Gegenstände, die ihr in der Kindheit besonders wichtig waren: das Klavier, die Kinderbücher. Die ersten Lektüren auf Deutsch waren Groschenromane, die ihr Onkel der Familie aus Deutschland als Zugabe zu den Weihnachtsgeschenken schickte.


Als die Familie nach Deutschland übersiedelte, entdeckte Ida Häusser ihre Leidenschaft fürs Stricken von Pullovern, wodurch sogar das Musizieren in den Hintergrund trat. Jetzt sind Ida ihr Beruf als Wirtschaftsinformatikerin, ihre Projekte und Termine und natürlich die Familie, die Kinder sehr wichtig. Und seit einiger Zeit wurde ihr das Schreiben genauso wichtig, wie auch die Wortspiele, Vergleiche, nicht nur WAS die anderen schreiben, sondern auch WIE – sie analysiert den Satzbau, den Schreibstil, die Erzählperspektive.

Ida Häuser ist in zwei Kulturen aufgewachsen – in Parallelwelten der deutschen und der russischen sowie im „Völkergemisch“ aus den während des Zweiten Weltkrieges nach Kasachstan während des Krieges Vertriebenen. Das deutsche Daheim vergleicht sie im Buch mit einem Kokon, aus den sich die Kindergeneration wie aus den ersten stramm angelegten Windeln langsam befreite und Schritt für Schritt dem Russischen näher kam, weil sie so wie alle anderen sein wollten. Nur noch die Großeltern haben „dahaam“ mit ihnen noch Deutsch gesprochen, die Eltern haben auch irgendwann nachgegeben und ihnen auf Russisch geantwortet. Auch im Buch benutzt sie oft russische Begriffe, die sie dann auf Deutsch erklärt und vielen Wörtern auf den Grund geht. Bei deutschen Wörtern im elektronischen Wörterbuch nachschlägt, oder zum Beispiel feststellt, dass das Gedicht „Die Faulen“, das ihre Großeltern oft zitierten, von Robert Reinick, einem deutschen Dichter und Maler der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, stammt. Und welches sie in einem deutsch-ungarischen Wochenblatt und in einer amerikanischer Zeitschrift im Internet findet und sich darüber freut, wie weit das Gedicht in der Welt verbreitet ist. So lernten sie, dreitausend Kilometer entfernt, ein Stückchen deutscher Kultur und Werte kennen. Faulheit konnte bei ihren Großeltern nur noch vom Lügen und der Bosheit des mutwilligen Kaputtmachens als Sünden übertroffen werden.

Als ein Stück Heimat in Kasachstan empfindet die Autorin den Platz auf der Liege unter einem Winterapfelbaum, auf Russisch ranetka genannt, wo sie ihn Ruhe lesen und Äpfelchen futtern konnte, sich in andere Welten versetzen aus dem Trubel der Großfamilie, bis die Mutter sie aus der Sommerküche rief, um ihr eine neue Aufgabe aufzuerlegen. Dabei geht sie wieder dem Ursprung des Apfels auf den Grund und stellt fest, dass der Ur-Apfel, sein Genom, aus Kasachstan stammt. Doch niemals sprachen sie später in Deutschland über Kasachstan als über das „Daheim“, weil die Großeltern mit ihren Kindern (Idas Mutter und Vater waren damals Nachbarskinder im Alter von 6 und 7 Jahren) während der deutschen Besatzung vom Schwarzen Meer nach Warthegau kamen, dann zum Weißen Meer als Repatriierte und danach in das „Steppenmeer“ übersiedelten, weil sie nicht zurück in ihre alten Häuser durften. Bei einem Versuch, ihre Häuser viele Jahre später zu besichtigen, wurden sie von den neuen Besitzern nicht auf den Hof gelassen, sondern angeschrien…

Das Buch von Ida Häusser ist ein Beispiel dafür, auf welche Art und Weise man die Begriffe Heimat und Integration an vielen kleinen, aber wichtigen Begebenheiten festmachen und sie mit kurzen Geschichten umranken kann, die oft amüsant sind, aber auch nachdenklich stimmen und bestimmt für ein breites Lesepublikum sehr interessant sein werden.

Zur Autorin

(c) privat

Ida Häusser wurde 1962 als Russlanddeutsche in Kasachstan geboren und aufgewachsen als Älteste von 13 Geschwistern. Die Familie gehörte zu den Andersdenkenden und konnte 1981 nach Deutschland übersiedeln. Hier folgten Sprachkurs, Abitur, Studium der Wirtschaftsinformatik und 26 Jahre berufliches Engagement. Die Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte sie erst mit 50 Jahren. Seitdem widmet sie sich der Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte, recherchiert, fragt nach, hält fest, reist und lernt.

Ida Häusser, „Meins!“

Erzählungen über eine Kindheit im Norden Kasachstans

Book on Demand, 2019, ISBN: 978-3744838740, 120 S.