Aus dem Nähkästchen geplaudert (1)

Können Übersetzer Korrektur lesen? Ja, und es ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Sei es nun zweisprachig, um das Vier-Augen-Prinzip zu wahren (ein Übersetzer übersetzt einen Text, ein anderer liest Korrektur) und damit für die Qualitätssicherung zu sorgen, oder einsprachig als Teil des eigenen Geschäftsmodells. So weit, so klar, und einige Autoren, die sich auf eine Sprache festgelegt haben und ausschließlich in dieser schreiben, werden sich nun vielleicht fragen: Was geht uns das an? Interessant für diesen Blog ist genau die Schnittmenge aus den beiden oben beschriebenen Tätigkeitsfeldern, wenn in einem Text in der einen Sprache Dinge und Ereignisse beschrieben werden, die zur Geschichte eines anderen Landes gehören. In diesem Fall kann ein kleiner Einblick in die Arbeitswelt eines Übersetzers meines Erachtens nicht schaden.

In den Texten russlanddeutscher Autoren, die ich zum Lesen bekomme, geht es häufig um Erfahrungen aus der Zeit der Sowjetunion. Daher liegt es in der Natur der Sache, dass darin Begriffe auftauchen, die vermeintlich einzigartig sowjetische Realia bezeichnen. Ich schreibe bewusst „vermeintlich“, denn bei dem Versuch, diese dem deutschen Leser nahezubringen, wird ein Aspekt häufig außer Acht gelassen. So las ich neulich in einem solchen Text das Wort „Pionierführerin“, das offensichtlich auf das russische „пионервожатая“ zurückging. Abgesehen davon, dass sich die deutsche Gegenwartssprache mit Wortzusammensetzungen, die den Bestandteil „-führer“ enthalten, ohnehin schwertut, war sich der Autor offensichtlich nicht der Tatsache bewusst, dass es für genau diese Begriffe, die einst das Leben einer ganzen Gesellschaft geprägt und widergespiegelt haben, sehr wohl deutsche Entsprechungen gibt. Schließlich gab es auch zu der Gesellschaft selbst ein deutschsprachiges Pendant. In der DDR wurden sehr viele Begriffe analog zu den in der Sowjetunion üblichen gebildet, und deshalb gab es natürlich auch dort Pionierleiter. Es gab Parteitage und eben keine „Kongresse“, wie eine Übersetzung des russischen „съезд“ auch nahelegen könnte, und Parteigruppenorganisatoren, die nur nicht als „парторг“, sondern gegebenenfalls als PGO abgekürzt wurden.

Selbst im Deutschland des beginnenden 20. Jahrhunderts gab es schon Begriffe, die an ursprünglich russische angelehnt waren, wie etwa die Arbeiter- und Soldatenräte aus der Zeit der Novemberrevolution 1918.
Außerdem gab es für viele Begriffe, die tatsächlich spezifisch sowjetisch waren, deutsche Entsprechungen, die aufgrund der engen Beziehungen zwischen beiden Ländern allen geläufig waren. So würde niemand auf die Idee kommen, den Obersten Sowjet als „Obersten Rat“ zu übersetzen oder ähnliches. Deshalb mein Tipp aus der Trickkiste der Übersetzer: Wenn Sie historische Begriffe verwenden, überprüfen Sie bitte, ob es dafür bereits eingebürgerte deutsche Äquivalente gibt. Vieles findet man im Internet, doch auch da, wo dies nicht der Fall ist, gibt es Hilfe, denn es sind zumindest antiquarisch oder in Bibliotheken noch viele Wörterbücher aus DDR-Zeiten im Umlauf. Diese hatten zwar (wie alle Wörterbücher) auch ihre Schwächen, aber gerade die Realienlexik findet man dort so authentisch wie sonst nirgendwo. Auch noch ältere Wörterbücher können einem für historische Texte immer wieder eine große Hilfe sein, denn sie sind von unschätzbarem Wert für die Erzeugung des jeweiligen lokalen und auch der entsprechenden Epoche eigenen Kolorits.

Carola Jürchott

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