Ivan oder Iwan?

Wohl jeder, der schon einmal eine Urkunde oder ein anderes Dokument aus dem Russischen ins Deutsche übersetzen lassen musste, wird sich über die seltsame Umschrift der ursprünglich mit kyrillischen Buchstaben vermerkten Namen gewundert haben. Diese auf den ersten Blick merkwürdige Transliteration ist der Notwendigkeit der Eineindeutigkeit geschuldet, d. h. einem kyrillischen Zeichen muss auch genau ein lateinisches Zeichen entsprechen, damit die Schreibweise, falls nötig, auch wieder zurückverfolgt werden kann. So wird aus einem „я“ ein „â“, aus einem „ш“ ein „š“ und einem „э“ ein „ė“, und in vielen Fällen könnte wahrscheinlich weder ein Muttersprachler des Russischen noch des Deutschen das Ergebnis ohne zu stocken aussprechen.

Was macht man also, wenn man einen Text verfasst, in dem russische Namen vorkommen? Die einzige für Urkunden gültige Transliteration, als nach der ISO-Norm, ist offensichtlich keine gangbare Lösung. Auch an der zusätzlichen lateinischen Schreibweise von Namen im ursprünglichen Pass kann man sich, selbst, wenn man sie kennt, nicht unbedingt orientieren. Wurde zu Zeiten der Sowjetunion beispielsweise eine Transliteration verwendet, die sich nach dem Französischen als Diplomatensprache richtete (da wurde „Павел Корчагин“ zu „Pavel Kortchaguine“), ist heute in russischen Pässen eine an das Englische angelehnte Umschrift üblich, die dafür Varianten aufweist wie „ts“ für „ц“ und „kh“ für „х“, die für Deutsche, die der russischen Phonetik ebenfalls nicht mächtig sind, schwer nachvollziehbar sein können. „Ivan oder Iwan?“ weiterlesen

Ausgang, Ausweg oder … ?

Es ist schon eine ganze Weile her, da las ich über einem Theaterstück, das sich mit der Auswanderung der Russlanddeutschen befasste, zu meinem Erstaunen den deutschen Titel „Ausweg“ – wohl wissend, dass im russischen Original „Исход“ gestanden hatte. Sicher, für die meisten wird die Auswanderung der Ausweg gewesen sein, aber eigentlich verbirgt sich hinter dem Originaltitel doch noch etwas anderes, immerhin stand dort nicht „Выход“, sondern eben „Исход“. Inzwischen sind mir auch andere Varianten untergekommen, mit denen das russische „исход“ ins Deutsche übertragen wurde. Häufig waren es Formulierungen, die den Begriff „Ausgang“ enthielten. Das ist auch gar nicht unbedingt falsch, wenn auch nicht in dem oben angesprochenen Kontext.

Wenn wir beispielsweise an Redewendungen wiе „фатальный исход“ denken, so kann man im Deutschen durchaus von einem „fatalen Ausgang“ einer Geschichte etc. sprechen. (In den Nachdichtungen von Wyssozkis berühmtem „Я не люблю“ habe ich für die erste Zeile allerdings nur wesentlich deutlichere Formulierungen im Deutschen gefunden – von „Selbstmord“ bis „ein Ende bereiten“, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es die oben zitierte Wendung durchaus gibt.) Geht es aber um Ausreisebewegungen, erst recht in der Verbindung mit dem Attribut „massenhaft“, bezieht sich das russische „исход“ auf etwas völlig anderes. Da das Wort ansonsten zum alltäglichen Sprachgebrauch gehört, mag das auf den ersten Blick gar nicht so auffallen – im Gegensatz zu seinem deutschen Äquivalent. Dieses ist nämlich im Unterschied zum russischen „исход“ kein Polysem und wird daher nur in diesem Zusammenhang gebraucht.

Der Ursprung ist in beiden Fällen die Bibel, und zwar das 2. Buch Mose. Es heißt im Russischen „Исход“ und im Deutschen „Exodus“. Genau dieses Wort ist es auch, das in deutschen Reportagen und ähnlichen Texten immer wieder zu hören und zu lesen ist, wenn es um Migrationsbewegungen aller Art geht, häufig auch in der Wortfügung „massenhafter Exodus“. Deshalb sollte man sich, wenn man vom russischen Wort „исход“ ausgeht, stets überlegen, ob es sich um das Ende einer Geschichte oder einer Entwicklung, also deren „Ausgang“, oder das Auswandern einer Menschenmenge in buchstäblich biblischem Ausmaß handelt, denn dann ist der gewählte Ausweg der Exodus.

Carola Jürchott

www.lust-auf-geschichten.de

Der Teufel steckt im Detail – eine neue Blogreihe gestartet!

Wir haben eine neue Beitragsreihe gestartet: „Der Teufel steckt im Detail“. Immer Mittwochs, vierzehntäglich, gibt die Lektorin Carola Jürchott aus Berlin Schreibtipps für Autoren, die aus dem russischen Sprachraum kommen und sich literarisch auf Deutsch versuchen wollen bzw. bereits auf Deutsch schreiben. Nach Tausenden von Seiten des Lektorats und Korrektorats für verschiedene Verlage und Autoren ist sie inzwischen zu einer Expertin auf diesem Gebiet geworden. Anhand von anschaulichen Beispielen weist sie auf die typischen Fehler hin, die den Autoren immer wieder unterlaufen, wenn sie aus dem Russichen ins Deutsche wechseln. Schauen Sie also mittwochs bei uns vorbei und klicken Sie auf die Kategorie „Schreibtipps für Autoren“. Wenn Sie die neuen Beiträge nicht verpassen wollen, dann schicken Sie uns eine E-Mail. Wir nehmen Sie gern in unseren Verteiler auf.

„Seit“, „ab“ oder „von“?

Erfahrungsgemäß bereitet die Angabe von Zeiträumen Menschen, die einen russischsprachigen Hintergrund haben, im Deutschen immer wieder Schwierigkeiten. Konkret geht es dabei um den Beginn eines Zeitraums, denn „bis“, das das Ende desselben anzeigt, ist eindeutig. Wie verhält es sich aber mit den Präpositionen, die dem russischen „с“ entsprechen? Häufig liest man an dieser Stelle „seit“, manchmal jedoch auch in Zusammenhängen, die dafür nicht in Frage kommen. Deshalb möchte ich hier noch einmal kurz aufzeigen, in welchem Kontext die oben angegebenen Präpositionen verwendet werden:
„Seit“ kann nur dann in Verbindung mit einer konkreten Zeitangabe verwendet werden, wenn der damit beschriebene Zustand zu dem Zeitpunkt, auf den sich der Satz bezieht, noch andauert/angedauert hat:
„Seit dem Frühling gehe ich diesen Weg zu Fuß.“
„Seit 1990 lebe ich in Berlin.“
„Seit seiner Hochzeit war er nicht mehr in dieser Gegend gewesen.“
„Ab“ bezieht sich auf einen Zeitraum, der entweder schon abgeschlossen ist oder in der Zukunft liegt: „„Seit“, „ab“ oder „von“?“ weiterlesen

Der Teufel steckt im Detail (1)

Wir starten eine neue Reihe in Form eines Blogs: „Der Teufel steckt im Detail“.

Immer Mittwochs, vierzehntäglich, gibt hier die Lektorin Carola Jürchott aus Berlin Schreibtipps für Autoren, die aus dem russischen Sprachraum kommen und sich literarisch auf Deutsch versuchen wollen bzw. bereits auf Deutsch schreiben. Nach Tausenden von Seiten des Lektorats und Korrektorats für verschiedene Verlage und Autoren ist sie inzwischen zu einer Expertin auf diesem Gebiet geworden. Anhand von anschaulichen Beispielen weist sie auf die typischen Fehler hin, die den Autoren immer wieder unterlaufen, wenn sie aus dem Russichen ins Deutsche wechseln. Schauen Sie also mittwochs bei uns vorbei und klicken Sie auf die Kategorie Schreibtipps für Autoren. Wenn Sie die neuen Beiträge nicht verpassen wollen, dann schicken Sie uns eine E-Mail. Wir nehmen Sie gern in unseren Verteiler auf.

Heit kommt nun der erste Beitrag aus dieser Reihe:

von Carola Jürchott

Unter diesem Titel habe ich bei der Tagung „Feder – Kuli – Tastatur III“ in Nürnberg bereits einige sprachliche Fallstricke für Literaten vorgestellt. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere auch noch an eine ähnliche Tagung, die 2007 in Würzburg stattfand und bei der stilistische Fragen thematisiert wurden, die gerade für Schreibende mit einem engen Bezug zum Russischen regelmäßig zum Problem werden (können). Da immer wieder Fragen dieser Art an mich herangetragen werden, habe ich mich entschlossen, hier in loser Folge immer mal wieder auf typische Formulierungen einzugehen, die mir in meiner Praxis als Korrektorin begegnen und die mitunter auch zu einer Umkehrung des Sinngehalts der Äußerung führen können. Ich hoffe, dass daran Interesse besteht und es dem einen oder anderen vielleicht auch in der eigenen Schreibpraxis weiterhilft.

„Nicht einmal“ oder „не раз“?

Beginnen möchte ich mit der Wortgruppe „nicht einmal“, die im Deutschen häufig verbunden wird mit „noch“, etwa:  „Er hat sich noch nicht einmal die Zeit genommen, richtig zuzuhören.“  „Ich bin nicht einmal dazu gekommen, meiner Freundin zum Geburtstag zu gratulieren.“ (Hierbei schwingt implizit mit: „weil ich so viel zu tun hatte“ oder Ähnliches.) Betrachtet man vor diesem semantischen Hintergrund einen Satz mit einer Struktur wie „Er wurde nicht einmal mit dem Tod bedroht“, wie ich ihn bereits mehrfach bei deutschen Autoren aus Russland gelesen habe, wird die Diskrepanz dessen, was gesagt und gemeint wurde, wohl offensichtlich.

Gemeint ist hier das russische „не раз“, gesagt wurde aber etwas, das wesentlich eher mit „ни разу“ zu übersetzen wäre, wenn nicht gar mit „даже не …“. Statt der Tatsache, dass jemand sich mehrmals mit dem Tod konfrontiert sah, kommt hier also zum Ausdruck, dass es „nicht mal dazu gekommen ist“.
Um dem russischen „не раз“ Rechnung zu tragen, müsste man im Deutschen ein „nur“ einfügen („Er wurde nicht nur einmal mit dem Tod bedroht.“) oder eine Formulierung mit „mehrmals“ oder den entsprechenden Synonymen „häufig“, „mehrfach“ etc. wählen („Er wurde mehrmals mit dem Tod bedroht.“). Nur so wird die tatsächliche Bedrohlichkeit der Situation offensichtlich.

Mehr über die Autorin erfahren Sie auf www.lust-auf-geschichten.de

Wie erweitert man als Autor seine sprachlichen Kompetenzen?

Die Sprache ist es, die dem Leser die Geschichte eines Autors vermitteln soll. Sie ist, wie Frisch einst meinte, die „Oberfläche eines literarischen Werkes“. Nun werden die wenigsten Autoren mit einer perfekten Sprache geboren. Und es ist eben diese Komponente, die das künstlerische Potenzial eines Autors ausmacht. Was bleibt dem Autor anderes übrig, als in dieser Sparte die Perfektion anzustreben und immer wieder mit sich kritisch ins Gericht zu gehen und sowieso ständig auf der Suche nach dem perfekten Wort zu sein.

Die sprachlichen Fähigkeiten verbessern

Dazu empfehlen sich verschiedene Übungen, die regelmäßig zu absolvieren sind. Als Autor hört man auch nie damit auf. Das nur vorweg. Sprachliche Kompetenzen kann man zum Beispiel durch Lesen erweitern, durch das Studieren seiner Vorbilder oder von Autoren-Kollegen. In Übungen darf man diese ruhig nachahmen. Noch besser, man parodiert sie, treibt ihre Sprache auf die Spitze, umso besser zu erkenen und zu lernen.

Lektüre aller Cou­leur

Sprache erweitert man durch Lesen. Und zwar durch das Lesen jedweder Lektüre. Von Sachartikel bis zum Roman, vom Zeitungsartikel bis zur Werbebotschaft. Unbekannte Wörter werden notiert und auch Wörter, die einem gut gefallen. Ein Jargon lässt sich gut aus Interviews in Regionalzeitungen erlernen oder studieren. Noch effektiver ist allerdings die Alltagssprache. Hören Sie den Leuten zu – bei jeder Gelegenheit und jedem Ort. Versuchen Sie, das Gesagte wortwörtlich aufzuschreiben. Viele Worte gehen beim Sprechen verloren. Vor Ort lernt man auch die besonderen Sprachen zum Beispiel der Jugendlichen oder bestimmter Berufsgruppen. Auf www.buchschreiben.com gibt es noch weitere Informationen für angehende Autoren, zum Beispiel wie man einen Buchverlag findet.