Das tückische s

Gehört es sich, einen eigentlich harmlosen Buchstaben als hinterlistig zu bezeichnen? Wahrscheinlich nicht, er kann ja nichts dafür. Dennoch könnte einem der Gedanke durchaus kommen, wenn man sieht, wie stark sich eine Bedeutung durch ihn in dem einen Fall verändern kann, während sie in anderen, vermeintlich gleich gelagerten, problemlos erhalten bleibt. Vor Kurzem las ich in einem Kommentar in den sozialen Medien als Reaktion auf ein Gewaltverbrechen folgenden Satz: „Mir tut erstmals die Familie des Opfers leid.“ Ich muss gestehen, dass ich erstmal zusammenzuckte, als ich das sah. Sollte jemand wirklich so gefühllos sein, dass er vorher noch nie Mitleid mit der Familie eines Opfers empfunden hatte?

Im nächsten Moment dämmerte es mir: Das s war schuld! Eigentlich hatte der Verfasser des Kommentars sicher sagen wollen, dass für ihn die Familie des Opfers im Vordergrund steht, er „erstmal Mitleid mit ihnen empfindet“!
In dieser Kombination ändert ein klitzekleines s nämlich alles. Während es bei „nochmal“ oder „nochmals“ völlig egal und eher Geschmackssache ist, ob man das s am Wortende stehen lässt, und es bei „abermals“, „ehemals“, „vormals“ und „einstmals“ gar keine andere Möglichkeit gibt, das Adverb zu bilden, sieht die Sache im Fall von „erstmal“ und „erstmals“ völlig anders aus. „Das tückische s“ weiterlesen

Wohin mit dem Verb?

Immer wieder lese ich in Texten, die mir zur Korrektur vorgelegt werden, Sätze folgender Art:
„Das hast du aber schön gemacht!“, lächelte sie.
„Ich stimme dir vollkommen zu“, nickte er.
Vielleicht fragt sich nun der eine oder andere Leser, was daran problematisch sein könnte. Formal wurden alle Regeln eingehalten, die das Deutsche für die wörtliche Rede und ihre Einleitungssätze vorsieht. Dennoch spürt man bei diesen Beispielen sofort, dass sie wörtlich aus dem Russischen übernommen wurden, denn dort ist es ja völlig normal, Formulierungen wie „улыбнулась она“ oder „кивнул он“als Stilmittel zu verwenden.

Hier ist die Bedeutung des Verbs das Entscheidende. Im Deutschen erwartet man nach (und meist auch vor) einer wörtlichen Rede ein Verb, das eine Redehandlung oder eine ähnliche Tätigkeit beschreibt: „sagte“, „rief“, „murmelte“ usw.
Deshalb wirkt es höchst ungewöhnlich, wenn sich direkt an die wörtliche Rede ein Verb anschließt, das weder unmittelbar die Art beschreibt, wie etwas gesagt wird, noch auch nur mit Lauten verbunden ist. Selbst „lachte“ kann hier durchaus verwendet werden, da es ein Geräusch beschreibt, in dessen Verlauf durchaus eine verbale Äußerung stehen kann. Ein völlig „stilles“, oder, wenn Sie so wollen, „stummes“ Verb löst beim deutschen Leser jedoch zumindest Verwunderung aus.
Aus diesem Grund ist es sinnvoll, diese „stummen“ Verben ein wenig hintanzustellen: „Wohin mit dem Verb?“ weiterlesen

Aus dem Nähkästchen geplaudert (2)

Im vorigen Blogeintrag habe ich bereits aus dem Nähkästchen der Übersetzer geplaudert und möchte das in dieser Woche noch ein wenig fortsetzen. Ebensolcher Aufmerksamkeit wie Realienbezeichnungen bedürfen nämlich Eigennamen und Zitate. Eigennamen wie zum Beispiel Produktbezeichnungen werden häufig nicht übersetzt, sondern einfach übernommen. So gab es in der DDR beispielsweise auch Fernseher mit den Namen „Junost“ und „Raduga“, und jeder wusste, dass die Regierungsfahrzeuge „Tschaika“ (und nicht etwa „Möwe“) hießen. Hierbei ist nur darauf zu achten, dass das grammatische Geschlecht sich unter Umständen verändern kann. So sind der Lada und der Machorka im Deutschen männlich, während die Matroschka und der Samowar ihr jeweiliges Geschlecht behalten durften. In diesen Fällen hilft einem aber meist sogar schon der Duden weiter.

Auch bei Zitaten ist es manchmal ratsam, auf Praktiken zurückzugreifen, die zum Handwerk der Übersetzer gehören. Dass es Bibelzitate in beiden Sprachen gibt, versteht sich von selbst, und deshalb sollte man sie auf keinen Fall selbst neu übersetzen. Hier muss man im Deutschen jedoch eventuell darauf achten, für wen der Text bestimmt ist, und danach die jeweils passende Bibelübersetzung auswählen. Zumindest in evangelisch geprägten Regionen ist die Luther-Übersetzung die geläufigste, während die katholische Kirche mit der Einheitsübersetzung arbeitet. „Aus dem Nähkästchen geplaudert (2)“ weiterlesen

Aus dem Nähkästchen geplaudert (1)

Können Übersetzer Korrektur lesen? Ja, und es ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Sei es nun zweisprachig, um das Vier-Augen-Prinzip zu wahren (ein Übersetzer übersetzt einen Text, ein anderer liest Korrektur) und damit für die Qualitätssicherung zu sorgen, oder einsprachig als Teil des eigenen Geschäftsmodells. So weit, so klar, und einige Autoren, die sich auf eine Sprache festgelegt haben und ausschließlich in dieser schreiben, werden sich nun vielleicht fragen: Was geht uns das an? Interessant für diesen Blog ist genau die Schnittmenge aus den beiden oben beschriebenen Tätigkeitsfeldern, wenn in einem Text in der einen Sprache Dinge und Ereignisse beschrieben werden, die zur Geschichte eines anderen Landes gehören. In diesem Fall kann ein kleiner Einblick in die Arbeitswelt eines Übersetzers meines Erachtens nicht schaden.

In den Texten russlanddeutscher Autoren, die ich zum Lesen bekomme, geht es häufig um Erfahrungen aus der Zeit der Sowjetunion. Daher liegt es in der Natur der Sache, dass darin Begriffe auftauchen, die vermeintlich einzigartig sowjetische Realia bezeichnen. Ich schreibe bewusst „vermeintlich“, denn bei dem Versuch, diese dem deutschen Leser nahezubringen, wird ein Aspekt häufig außer Acht gelassen. So las ich neulich in einem solchen Text das Wort „Pionierführerin“, das offensichtlich auf das russische „пионервожатая“ zurückging. Abgesehen davon, dass sich die deutsche Gegenwartssprache mit Wortzusammensetzungen, die den Bestandteil „-führer“ enthalten, ohnehin schwertut, war sich der Autor offensichtlich nicht der Tatsache bewusst, dass es für genau diese Begriffe „Aus dem Nähkästchen geplaudert (1)“ weiterlesen

Ein leider nicht mehr ganz kategorischer Imperativ

An das erste Mal, als ich diese Aufforderung gelesen habe, kann ich mich noch gut erinnern. Es war auf dem Display eines Kinderfahrzeugs, und dort wurden die lieben Kleinen aufgefordert: „Werfe eine Münze in den Geldschlitz!“ Im ersten Moment wusste ich nicht, welches Gefühl bei mir stärker war: Panik („Hilfe, wo ist die Lautverschiebung geblieben?“) oder Wut („Wie können die zulassen, dass Kinder so etwas Falsches lesen?“).
Zugegeben, gehört hatte ich Imperativformen dieser Art schon öfter, hatte das aber zunächst auf den mich umgebenden Berliner Dialekt und später auf die sprachliche Nachlässigkeit der jeweiligen Sprecher geschoben, die übrigens von Intellekt und Bildungsstand gänzlich unabhängig ist. Nach und nach begegneten mir derart verschandelte Verbformen immer öfter – häufig leider auch in geschriebener Form.

Bisweilen habe ich den Verdacht, dass Übernahmen aus dem Englischen eine Mitschuld an dieser Missachtung grammatischer Regeln tragen, denn gerade im Internet und auf Spielplattformen verfügbare Übersetzungen werden nicht immer einer so gründlichen Korrektur unterzogen, wie es die Sorgfalt für Veröffentlichungen eigentlich gebieten würde. Dennoch läuft es mir immer wieder kalt den Rücken herunter, wenn ich Varianten wie „lese“, „trete“, „gebe“ und Ähnliches als Aufforderung lesen muss.
Im Unterschied zur Stammvokaländerung von a zu ä („ich fahre“/„du fährst“, aber „fahr bitte dorthin“) wird die Vokalverschiebung von e zu i („ich esse“/„du isst“, „ich lese“/„du liest“) nämlich auch im Imperativ beibehalten: „Iss!“ „Lies!“, „Tritt ein!“, „Bitte hilf mir!“ – und das zumindest nach den geltenden Regeln kategorisch! „Ein leider nicht mehr ganz kategorischer Imperativ“ weiterlesen

Bezüglich der Bezüge

In dem Reisebericht „Couchsurfing in Russland“ von Stephan Orth las ich kürzlich den folgenden Satz: „Ein Mountainbike steht am Wohnzimmerfenster, das teurer ist als alle Möbel zusammen.“

An dieser Stelle drängt sich dem aufmerksamen Leser die Frage auf, was da eigentlich teurer ist als alle Möbel zusammen. Vermutlich das Mountainbike, denn über die Preise von Wohnzimmerfenstern weiß ich, ehrlich gesagt, höchst wenig. Der Aufbau des Satzes suggeriert jedoch etwas anderes. Die Falle, in die der Autor getappt ist, tut sich dann auf, wenn in einem Satz mehrere Substantive desselben Geschlechts vorhanden sind, auf die anschließend ein Relativpronomen folgt. Dieses bezieht sich nämlich immer auf das letztgenannte Substantiv davor, das dasselbe Geschlecht hat wie das Relativpronomen. Geht man von dieser Regel aus, wäre in dem oben genannten Satz tatsächlich das Wohnzimmerfenster teurer gewesen als die Möbel. Ob das der Autor dann so explizit herausgestellt hätte, wage ich allerdings zu bezweifeln. Ein Fahrrad, das teurer ist als die Wohnungseinrichtung, ist schon eher eine Erwähnung wert. Dann hätte der Satz allerdings anders formuliert werden müssen: „Am Wohnzimmerfenster steht ein Mountainbike, das teurer ist als alle Möbel zusammen.“ „Bezüglich der Bezüge“ weiterlesen

Verträgliche Verträge

Seit ich die Beiträge für diesen Blog schreibe, ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich auch in Gesprächen mit Sprechern anderer Muttersprachen noch genauer hinhöre. So geriet ein russischer Freund neulich etwas ins Schlingern, als er mir erklärte, etwas sei ihm „verträglich zugesichert“ worden. In diesem Moment fiel ihm allerdings selbst auf, dass das wohl einer der vielbeschriebenen Stolpersteine des Deutschen sein könnte. Ich selbst hatte mir noch nie darüber Gedanken gemacht, wie viel die ä-Pünktchen in diesem Fall ausmachen. Er aber sah mich nun zweifelnd an und fragte vorsichtshalber noch einmal nach: „Verträglich oder vertraglich?“

Natürlich kann man auch Verträge verträglich gestalten – gerade von „sozial verträglich“ ist in diesem Zusammenhang häufig die Rede. Dennoch ändert dieser Umstand nichts an der Tatsache, dass das eine mit dem anderen zumindest lexikalisch erst einmal nichts zu tun hat, denn „verträglich“ kommt von „vertragen“, während das Adjektiv zu „Vertrag“ „vertraglich“ ist. Da aber ein Vertrag eine „beidseitig übereinstimmende Willenserklärung“ ist, eröffnet sich einem beim Blick in ein etymologisches, also ein Herkunftswörterbuch, dass der Begriff „Vertrag“ durchaus daher kommt, dass man sich miteinander „verträgt“.
So kann man sich nur wünschen, dass vertragliche Bestimmungen immer verträglich sein mögen, damit man sich infolge eines Vertrages nicht irgendwann nicht mehr verträgt.

Carola Jürchott

www.lust-auf-geschichten.de

Reflexe beim Reflexiven

Immer wieder lese ich in Texten, dass reflexive Verben im Deutschen ausschließlich mit dem Pronomen „sich“ gebildet werden. Das ist zunächst durchaus verständlich, wenn man bedenkt, dass die Endung „-ся“ im Russischen nur dahingehend veränderlich ist, dass sie in einigen Flexionsformen zu „-сь“ wird. An die grammatische Person wird sie jedoch nicht direkt angepasst. Damit sind wohl auch Sätze zu erklären, in denen auf Personen wie „ich“ oder „du“ dennoch sozusagen reflexartig ein „sich“ folgt, was jedoch im Deutschen nicht nur falsch ist, sondern auch sofort als die Formulierung eines Nichtmuttersprachlers erkannt wird.

Im Deutschen ist unbedingt darauf zu achten, dass die Reflexivpronomina unmittelbar mit den Personen zusammenhängen und – auch in zusammengesetzten Konstruktionen – mit ihnen in Übereinstimmung (Kongruenz) gebracht werden müssen. Also:
„Ich habe leider vergessen, mich zu waschen.“
„Du solltest darauf achten, dich besser auszudrücken.“
„Es fällt uns leider schwer, uns daran zu erinnern.“
„Ihr müsst daran denken, euch rechtzeitig einzufinden.“ „Reflexe beim Reflexiven“ weiterlesen

Zahlen bitte!

Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass Zahlen nicht übersetzt werden müssen, weil sie ja „sowieso in allen Sprachen gleich“ sind. Mit dieser Begründung versuchen Auftraggeber von Übersetzungen, den Preis zu drücken, und angehende Übersetzer müssen hinnehmen, dass ihnen, wenn auch sie diesem Irrtum erliegen, in Prüfungen wegen Ususverletzungen Punkte abgezogen werden.
Stehen Zahlen im Text, müssen die verbalen Anschlüsse natürlich übersetzt werden, doch auch die Ziffern selbst haben es mitunter derart in sich, dass selbst renommierte Museen gegen Fehlleistungen nicht gefeit sind. So findet sich auf dem deutschsprachigen Flyer, der für die Ausstellung der modernen Kunst wirbt, die Angabe des 20. Jahrhunderts als römische Zahl, was im Deutschen völlig unüblich ist. Hier werden Jahrhunderte grundsätzlich mit arabischen Ziffern angegeben.

Ein weiterer erheblicher Unterschied findet sich bei der Darstellung großer Zahlen im Russischen und Deutschen. Während es im Russischen ganz normal ist, Tausender als Dezimalzahlen anzugeben wie etwa „45,6 тыс.“, ist eine derartige Struktur im Deutschen außer in statistischen Tabellen erst im Millionenbereich zulässig. „45,6 тыс.“ kann im Deutschen entweder mit einem Punkt als Trennzeichen für die Tausenderstellen angegeben werden: „45.600“ oder mit einem Leerzeichen an derselben Stelle: „45 600“. Beide Möglichkeiten gelten auch für größere Zahlen. 45,6 Millionen können neben dieser ausführlichen Schreibweise also auch folgendermaßen angegeben werden: „45.600.000“, „45 600 000“ oder auch „45,6 Mio.“ In jedem Fall ist zu beachten, dass im gesamten Text eine einheitliche Schreibweise verwendet wird. „Zahlen bitte!“ weiterlesen

Ist jedes „юбилей“ ein „Jubiläum“?

Schaut man sich zunächst das semantische Feld des Begriffs „Jubiläum“ im Deutschen und im Russischen an, könnte man auf den Gedanken kommen, es sei tatsächlich so. So steht im Duden als Bedeutungserklärung: „festlich begangener Jahrestag eines bestimmten Ereignisses“, und auch in der russischen Wikipedia findet man: „празднование годовщины (выражающейся в круглых и крупных числах, обычно кратных 5) деятельности какого-нибудь лица или учреждения“. Wäre es wirklich an dem, wäre dieser Beitrag natürlich überflüssig, und so wird sich der aufmerksame Leser schon denken können, dass auch hier der Teufel wieder im Detail steckt.

So findet man in Beiträgen von Menschen mit einem russischsprachigen Hintergrund auch Formulierungen wie „Herrn Schmidt zum 70. Jubiläum“ oder „zum 150. Jubiläum des Schriftstellers“. Sicher, bei penibler Betrachtungsweise erscheint diese Aussage gerade mit Blick auf die Definition des Dudens nicht falsch, geht es doch darum, dass sich die Geburt von Herrn Schmidt oder dem berühmten Schriftsteller zum 70. oder 150. Male jährt. Dennoch ist es im Deutschen unüblich, Geburtstage oder auch Hochzeitstage explizit als „Jubiläum“ zu bezeichnen (selbst wenn ein Geburtstagskind scherzhaft durchaus auch als „Jubilar“ betitelt wird), da der deutsche Usus der eigentlich in der russischen Wikipedia gegebenen Erklärung besonders strikt folgt. Wenn man in einem Text den Begriff „Jubiläum“ liest, assoziiert man damit tatsächlich in erster Linie den Jahrestag einer Tätigkeit oder eines Zustandes (Betriebszugehörigkeit, Vereinsmitgliedschaft, Existenz einer Stadt oder einer Einrichtung etc.). Hierfür wären allein schon Zahlenwerte wie 70 und erst recht 150 höchst unwahrscheinlich, dass sie die Dauer eines Menschenlebens gemeinhin überschreiten. „Ist jedes „юбилей“ ein „Jubiläum“?“ weiterlesen