Vorsicht vor falschen Freunden!

Diese Warnung, die man Kindern bereits beim Eintritt ins Kindergarten- oder spätestens ins Schulalter mit auf den Weg gibt, verliert für einen Übersetzer auch im späteren Leben nicht an Brisanz, obwohl  sie dann eine gänzlich andere Bedeutung hat.

Mit dem Begriff „falsche Freunde“ werden in der Sprachwissenschaft nämlich Worte bezeichnet, die es in einem bestimmten Sprachenpaar (für unsere Zwecke also Russisch-Deutsch) in beiden Sprachen gibt, die sich aber in ihrer Bedeutung, Grammatik, Rechtschreibung oder stilistischen Verwendung unterscheiden. Klassische Beispiele dafür sind die russischen Wörter „aкадемик“ und „институт“, die hier bereits an anderer Stelle thematisiert wurden.

Zum Problem der falschen Freunde wurden inzwischen komplette Wörterbücher herausgegeben und viele linguistische Abhandlungen geschrieben, die jeweils den Rahmen dieses Beitrags sprengen würden. Dennoch möchte ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, dazu aufrufen, bevor Sie ein Wort im Deutschen verwenden, das Ihnen aus dem Russischen bekannt ist, genau darüber nachzudenken (oder nachzuschlagen), ob die Bedeutung identisch ist. Erinnern Sie sich nur einmal daran, welch unterschiedliche Erscheinungen durch „конкурс“ (ein Wettbewerb oder eine Ausschreibung) und „Konkurs“ (ein Bankrott) bezeichnet werden! „Vorsicht vor falschen Freunden!“ weiterlesen

Der Tragödie zweiter Teil

Der Titel lässt es erahnen, liebe Leserinnen und Leser, es ist noch nicht vorbei! Das Thema des letzten Beitrags ist noch nicht vollständig abgehandelt. Alles, was ich dort zu Namen von Personen gesagt hatte, bezieht sich nämlich ebenso auf andere Eigennamen und Bezeichnungen (unter anderem in der Welt des Theaters, doch dazu später mehr).

So werden beispielsweise Ortsnamen im weitesten Sinne, sogenannte Toponyme, ebenfalls in der Regel nicht übersetzt, aber sehr wohl an die Zielkultur angepasst. Auch hierfür sollte maßgeblich sein, welche Form die im entsprechenden Sprachraum verwendete ist. Natürlich kann man New York bei einer Übersetzung aus dem Russischen nicht einfach als „Nju-Jork“ transkribieren. Das italienische „Milano“ ist Muttersprachlern des Russischen in Anlehnung an die lombardische Bezeichnung als „Милан“ bekannt, auf Deutsch muss es jedoch „Mailand“ heißen.

Grundsätzlich ist auch in diesem Bereich zu beobachten, dass sich das Russische wesentlich häufiger einer phonetischen Umschrift des Originalnamens bedient, während das Deutsche oft eigene Bezeichnungen verwendet. So ist für die polnische Hauptstadt der Name „Warschau“ deutschen Muttersprachlern wesentlich vertrauter als „Warszawa“, weshalb hier eine reine Anpassung der Schreibweise bei der Übersetzung aus dem Russischen ebenfalls nicht zielführend wäre. „Der Tragödie zweiter Teil“ weiterlesen

Namen sind Schall und Rauch?

Ich gebe es offen zu, selbst das vermeintlich „einfache“ Korrekturlesen stellt für den Korrektor mitunter eine Herausforderung dar. So erging es mir bei einem Text über Komponisten, der ursprünglich auf Russisch verfasst worden war und in dessen deutscher Übersetzung ich Namen las wie „D. Verdi“ und „D. Puccini“. Nanu? Hießen diese beiden nicht Giuseppe und Giaccomo? Und lernt man nicht in einer der ersten Schulstunden im Fremdsprachenunterricht, dass Namen nicht übersetzt werden? Oder handelte es sich in meinem Text vielleicht um zwei Herren, von denen ich noch nie etwas gehört hatte und deren Vornamen tatsächlich mit einem D begannen? Nein, die kurz darauf zitierten Operntitel zeigten mir, dass mein erster Gedanke tatsächlich richtig gewesen war. Was war also passiert? Ganz einfach: Derjenige, der sich an der Übersetzung des Textes aus dem Russischen versucht hatte, hatte einfach die kyrillische Schreibweise von Джузеппе und Джакомо gedanklich wieder ins Deutsche transliteriert, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass ihre Namen aus dem Italienischen stammen.

Das ist nämlich der Haken an der Geschichte: Während im Russischen inzwischen alle Namen aus Sprachen mit anderen Alphabeten konsequent phonetisch transkribiert werden (was einem bei der richtigen Aussprache erheblich weiterhelfen kann), muss aber bei der Übersetzung in eine Sprache, die ihr Originalalphabet verwendet, auch wieder die Originalschreibweise benutzt werden, damit keine Missverständnisse auftreten. So muss Beethoven bei der „Rückübersetzung“ aus dem Russischen beispielsweise auch sein zweites „e“ zurückbekommen, das in der kyrillischen Version weggefallen war. „Namen sind Schall und Rauch?“ weiterlesen

Personalunion – ja oder nein?

In einem der vorigen Beiträge habe ich schon einmal die Frage gestellt: „Singular oder Plural?“ Dabei ging es unter anderem um Attribute, die, je nachdem, ob ihnen ein Artikel vorangestellt wurde oder nicht, gemeinsame oder unterscheidende Eigenschaften bezeichnen. Der Gebrauch von Artikeln bereitet Nichtmuttersprachlern des Deutschen immer wieder Schwierigkeiten. Deshalb werde ich das Problem nach und nach aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten, und weil wir schon bei der Frage nach Ein- oder Mehrzahl waren, soll es damit auch gleich weitergehen.

Neulich fragte mich eine Freundin meiner Mutter: „Wie geht es denn deiner Mutter und meiner Freundin?“, und, da die Possessivpronomina semantisch den bestimmten Artikel mitbeinhalten, war mein erster Impuls zu überlegen, warum sie sich nach zwei unterschiedlichen Personen erkundigt, bis ich begriff, dass sie eigentlich meinte: „Wie geht es denn deiner Mutter, meiner Freundin?“ „Personalunion – ja oder nein?“ weiterlesen

Im Namen des Vaters

Zugegeben, diese Überschrift mag etwas ketzerisch klingen, wenn man bedenkt, welche sprachliche Erscheinung sich dahinter verbirgt. Allerdings muss ich Muttersprachlern des Deutschen immer wieder erklären, was ein Vatersname überhaupt ist und dass es sich dabei weder um den Geburtsnamen der jeweiligen Person im Sinne des deutschen Namensrechts noch (wie Polizei und Gerichte gern vermuten) um eine „Alias-Identität“ handelt. Auch in Übersetzungen sehe ich häufig, dass die Übertragung dieses Phänomens Schwierigkeiten bereitet, und deshalb soll es hier nicht unerwähnt bleiben.

Natürlich kennt nicht nur das Russische den Vatersnamen, er kommt ebenso in anderen slawischen Sprachen und vielen weiteren Sprachfamilien vor. Im Deutschen findet man zwar noch Familiennamen, die sich auf Vatersnamen zurückführen lassen, jedoch sind diese in ihrer ursprünglichen Form heute nicht mehr gebräuchlich und daher weitgehend in Vergessenheit geraten. Das ist wohl auch der Grund für die ständigen Irritationen bei der Übertragung. So habe ich schon Varianten gesehen wie „Michail v. Juri Lermontow“, die im Deutschen gänzlich in die Irre führen und keinesfalls zu tolerieren sind. „Im Namen des Vaters“ weiterlesen

Meine, deine, unsere

Zugegeben, der Kalauer über Patchwork-Familien „Liebling, komm schnell, meine Kinder und deine Kinder verhauen unsere Kinder!“ ist vielleicht weder originell noch politisch korrekt. Doch er verdeutlicht meiner Meinung nach besonders anschaulich, dass Possessivpronomen in Verbindung mit Verwandtschaftsbezeichnungen keineswegs überflüssig sind.

Im Deutschen gilt das nicht nur für Verwandte, deren man mehrere haben kann, wie Kinder, sondern auch für die exklusiven Vertreter der Spezies: Vater und Mutter. Diese Bezeichnungen werden, wenn man von den eigenen Eltern spricht, ebenfalls mit „mein“ oder „unser“ verwendet, auch wenn sich die Zugehörigkeit aus dem Kontext eindeutig ergibt. Natürlich findet man in der Literatur auch in diesem Zusammenhang den Gebrauch des bestimmten Artikels, etwa wenn Rotkäppchen sagt: „Ich besuche die Großmutter!“ Diese Form ist heute jedoch nicht mehr sehr verbreitet; Rotkäppchen würde inzwischen wohl sagen: „Ich gehe zu meiner Oma.“

Heute deutet der Gebrauch des bestimmten Artikels auf ein eher distanziertes Verhältnis und darauf hin, dass nicht ein Verwandter des Sprechenden gemeint ist, sondern der Erzähler über eine familiäre Situation berichtet, wie – um wieder ein Märchen zu zitieren – in „Hänsel und Gretel“: „Als sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater …“ „Meine, deine, unsere“ weiterlesen

Immer schön der Reihe nach

Wie haben wir uns im Übersetzungsunterricht mit den verschiedenen Arten russischer Partizipien gequält! Brauchen wir für den konkreten Fall nun ein Partizip Präsens Aktiv oder doch ein Partizip Präteritum Passiv? Was immer es war, im Deutschen ließen sich diese russischen Konstruktionen meist nur durch Umschreibungen als Attribute oder ganze Nebensätze auflösen. Noch verzwickter aber waren die Adverbialpartizipien, denn hier gibt es die Kategorien der Gleichzeitigkeit und der Vorzeitigkeit, über die man meist noch einen Augenblick länger nachdenken muss.

Während es bei der Gleichzeitigkeit erprobte Übersetzungsverfahren gibt, um Sätze wie:

„Он ждал ее, читая книжку.“ zu übersetzen („Er wartete auf sie und las dabei ein Buch.“, „Während er auf sie wartete, las er ein Buch.“),

gibt es bei der Vorzeitigkeit (wie zum Beispiel in dem Satz „Прочитав книгу, я отложил ее в сторону.“) einiges mehr zu beachten. „Immer schön der Reihe nach“ weiterlesen

Wohin mit dem Ort?

SPO – Wer irgendwann einmal Englisch gelernt hat, wird diese Buchstabenkombination wohl nie wieder vergessen. Immerhin steht sie für einen der Grundpfeiler der englischen Sprache: die Wortfolge innerhalb eines Aussagesatzes. Sie ist es auch, die Nichtmuttersprachlern immer wieder Probleme bereitet, denn immer noch hält sich hartnäckig die Meinung, dass das im Deutschen alles viel einfacher, weil freier, sei. Natürlich, bei uns gibt es die strikte Reihenfolge Subjekt – Prädikat – Objekt nicht, aber einige Regeln müssen dennoch beachtet werden. Dass das Verb im einfachen Hauptsatz an zweiter und im Nebensatz an letzter Stelle steht, ist eine Binsenweisheit, andere Satzglieder aber machen immer wieder Schwierigkeiten, gerade bei der Übertragung aus anderen Sprachen.

So ist es im Russischen völlig normal, eine Adverbialbestimmung des Ortes direkt an das Attribut anzuschließen, auf das sie sich bezieht. Das sicher bekannteste Beispiel für eine solche Konstruktion stammt aus dem Lied der Trickfilmfigur Tscheburaschka, der über seinen Freund Gena singt: „Wohin mit dem Ort?“ weiterlesen

Doppelt hält nicht immer besser

Wer kennt sie nicht, die berühmten Doppelbezeichnungen für Personen, als deren Standardbeispiel im Russischunterricht immer Walentina Tereschkowa herhalten musste: „женщина-космонавт“?! Doch auch im nichtkosmischen Sprachgebrauch begegnet man ihnen immer wieder, sei es nun der инженер-строитель oder, wie es in historischen Texten häufig vorkommt, die „немцы-спецпоселенцы“.

So verlockend es sein mag, diese Formen einfach auch im Deutschen zu übernehmen, so wenig empfehlenswert ist eine solche Vorgehensweise, da Konstruktionen dieser Art im Deutschen völlig unüblich sind. Wozu auch? Hier gibt es schließlich zusammengesetzte Substantive wie den berühmten „Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän“, um ein bekanntes Wortungetüm zu zitieren.

Natürlich gibt es auch im Deutschen die Notwendigkeit, genau das zu verdeutlichen, was mit den russischen Doppelformen ausgedrückt werden soll, und deshalb gibt es auch sprachliche Mittel dafür. Nur unterscheiden sich diese von den russischen so stark, dass man im Deutschen an den Doppelformen sofort den Nichtmuttersprachler erkennt.

Die deutschen Varianten lassen sich im Wesentlichen in drei große Gruppen einteilen. „Doppelt hält nicht immer besser“ weiterlesen

Fragen über Fragen

Wenn nicht schon bei der Vorbereitung von Schulaufsätzen, so doch spätestens bei Autorenseminaren oder einem Journalismus- oder Germanistikstudium: Früher oder später wird jeder, der schreibt, mit den sogenannten W-Fragen konfrontiert, die die Grundlage jedes Berichts oder auch einer Erzählung bilden:

Was? Wer? Wo? Wann? Wie? Warum?

Diese Fragewörter sind jedem geläufig, und wenn man ein wenig länger darüber nachdenkt, fallen einem bestimmt auch noch andere Interrogativpronomina ein, die mit einem W beginnen:

Wohin? Weshalb? Wie lange? Wessen?

Doch es gibt auch Fragewörter, die nach und nach in Vergessenheit zu geraten scheinen, weil sie vom Strom der umgangssprachlichen Synonyme geradezu überrollt werden. So findet man das schöne „Weswegen?“ beispielsweise nur noch selten, weil sich der Gebrauch der Präposition „wegen“ mit dem Dativ immer stärker durchsetzt und daher kein logischer Rückschluss auf ein von „wessen“ (das den Genitiv verlangt) abgeleitetes Fragewort möglich ist.

Damit sind wir auch schon beim Kern dieses Beitrags: den Frageworten, die im Zusammenhang mit einer Präposition auftreten.

Immer häufiger liest man – leider auch in ansonsten seriösen Quellen – Formulierungen wie „von wo“, „mit was“ oder „durch was“. Diese Verbindungen sind jedoch ebenfalls rein umgangssprachlich und keinesfalls schriftlich zu verwenden. Hier ist in jedem Fall einem mit „wo-“ zusammengesetzten Fragewort (oder auch Relativpronomen in zusammengesetzten Sätzen) der Vorrang zu geben: „woher“, „womit“, „wodurch“.

Dies alles hat übrigens nichts damit zu tun, dass in einigen deutschen Dialekten „wo“ allein grundsätzlich gern als Relativpronomen verwendet wird. Diese Varianten sind nach wie vor rein dialektal und für die Schriftsprache nicht zu gebrauchen.

Deshalb mein Rat: Überprüfen Sie, ehe Sie ein Frage- oder Relativpronomen verwenden, das aus zwei Wörtern, einer Präposition und einem einfachen Fragewort besteht, erst, ob sich nicht ein zusammengesetztes Wort mit „wo-“ dafür finden lässt. Es ist in jedem Fall die bessere Wahl!

Carola Jürchott

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