Sag mir, wie du heißt … (4)

Nachdem in den vorigen Blogbeiträgen im Wesentlichen auf Aspekte der Namensfindung eingegangen wurde, die bei Texten zum Tragen kommen, die in der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit spielen, betrifft die letzte Frage dieses Themenkreises auch gänzlich andere Textsorten, wie z. B. Märchen oder historsiche Romane.


Die vierte Konnotation von Namen, auf die hier eingegangen werden soll, ist die soziale, denn auch sie sollte man als Autor nicht außer Acht lassen, wenn man nach passenden Namen für seine Protagonisten sucht. So haben es die Begriffe „Kevinismus“, den der Autor Jan Weiler in einem Artikel für den „Stern“ bereits 2007 als Volkskrankheit bezeichnet hat, und „Chantalismus“ mittlerweile sogar in die Wikipedia geschafft. Mit diesen Termini bezeichnet man den Drang von Eltern, ihren Kindern möglichst exotisch klingende Namen zu geben, wie eben Kevin oder Chantal.

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Sag mir, wie du heißt … (3)

Nachdem im vorigen Artikel der lokale Aspekt der Namensfindung für Protagonisten schon angeklungen, wollen wir uns dieser Frage heute noch einmal intensiver widmen, denn nicht nur die nationale Zugehörigkeit spielt bei der Namensgebung eine Rolle, sondern auch die lokale bzw. regionale. So lassen sich bestimmte Vornamen mit Dialekten in Verbindung bringen, und man kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass ein Hauke, ein Hein oder ein Ubbo in Norddeutschland beheimatet ist, ein Korbinian höchstwahrscheinlich in Bayern und ein Beat oder eine Ursina in der Schweiz. Versetzt man nun Personen mit eindeutig dialektalen Namen in eine gänzlich andere Region, sollte auch das einen dramaturgischen Grund haben, der im Laufe der Handlung unbedingt erklärt werden müsste.

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Sag mir, wie du heißt … (2)

Nachdem wir im vorigen Beitrag begonnen haben, uns mit der Namensgebung für literarische Figuren zu befassen, soll heute auf einen weiteren Aspekt eingegangen werden, der dabei eine Rolle spielt. Die zweite Ebene der Namensgebung ist die zeitliche. So ist es zumindest im Deutschland des 20. Jahrhunderts relativ gut möglich, die jeweilige Figur anhand des Namens einer bestimmten Generation zuzuordnen. So hießen meine Urgroßmütter beispielsweise Helene, Luise, Dorette und meine Großmütter Elfriede und Hedwig. Hört man diese Namen heute, kann man für die damalige Zeit zumindest abschätzen, dass Erstere noch im 19. Jahrhundert, Letztere hingegen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts geboren wurden.
Waren in der Generation meiner Eltern Namen wie Jürgen, Achim und Gerhard bei den Männern verbreitet, hießen die Frauen Inge oder Ingeborg, Ursula und Helga. Diese Namen sind in meiner Generation ebenso selten zu finden wie die für uns typischen Namen Thomas, Steffen und Karsten oder Katrin, Susanne und Ines unter den Altersgenossen unserer Eltern. Natürlich gibt es immer wieder Ausnahmen, die die Regel bestätigen, und Namen, die trotz allem zeitlos sind; dennoch hat man, wenn man einen bestimmten Namen liest, erst einmal ein Bild von der jeweiligen Person im Kopf, zu dem auch diese zeitliche Einordnung gehört.

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Es irrt der Mensch, solang er strebt

Dieses berühmte Zitat aus dem „Prolog im Himmel“, der den ersten Teil von Goethes „Faust“ einleitet, ist sicher den meisten bekannt, und so bietet es auch den perfekten Einstieg in das Thema dieses Beitrags. Häufig stoße ich nämlich beim Lektorieren von Texten auf Formulierungen, in denen die Begriffe „Streben“ und „Bestreben“ verwechselt werden, weil sie für komplette Synonyme gehalten werden, was jedoch im Deutschen nicht der Fall ist.

So kann es durchaus Bestrebungen geben, diese Bedeutungen zu vereinheitlichen, danach zu streben wäre jedoch sicher zu viel des Guten. Auch hier steckt, wie so häufig, der Teufel im Detail. Während das Streben darauf ausgerichtet ist, ein großes und ganzheitliches Ziel zu erreichen (das Streben nach Macht, das Streben nach Geld oder, wie im Falle Fausts, das Streben nach Erkenntnis), können Bestrebungen auch auf kleinere oder Etappenziele gerichtet sein.

Das Streben ist mit einem hohen Maß an Aufwand und Anstrengung verbunden. Nicht umsonst unterstellt man einem Streber implizit, er würde Tag und Nacht an nichts anderes als an die Schule denken. Das Bestreben hingegen ist einfach der Ausdruck einer Absicht oder eines Ziels.
So findet man bei der Begriffsdefinition im Duden auch beim „Streben“ Attribute wie „energisch, zielbewusst, unbeirrt“ und die Erklärung „mit aller Kraft […] danach trachten, etwas Bestimmtes zu erreichen“, während das Bestreben lediglich dem Bemühen ohne eine weitere Verstärkung gleichgesetzt wird.

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Lehren ziehen leicht gemacht

Mit dem Lernen ist es so eine Sache. Manchmal ist es einfacher, es zu tun als darüber zu sprechen. Noch heute muss ich schmunzeln, wenn ich an das entsetzte Gesicht meiner Mutter angesichts einer Formulierung denke, die zu meinen Kindergartenzeiten in Berlin unter meinen Altersgenossen gang und gäbe war, wenn der eine etwas konnte, das der andere noch nicht beherrschte: „Lernste mir das?“

Natürlich folgten auf Äußerungen dieser Art lange elterliche Erklärungen, dass man zwar selbst etwas lernen, einem anderen aber nur etwas beibringen oder es ihn lehren könne. Dabei stand damals auch völlig außer Zweifel, dass „lehren“ mit dem Akkusativ verwendet wurde, „beibringen“ hingegen mit dem Dativ. Mehr oder weniger bekannte Songtitel wie „Denn sie lehren die Kinder …“ unterstützten diesen Lernprozess durchaus.

Nach dieser Vorgeschichte können Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich sicher mein Entsetzen vorstellen, als vor Kurzem im öffentlich-rechtlichen Fernsehen in einer Quizshow eine Antwortmöglichkeit lautete, Konrad Duden habe eine Wette gewonnen, weil er „einem Kleinkind das Lesen lehrte“. Abgesehen davon, dass die richtige Antwort eine andere war, kam mir diese Variante jedoch doppelt falsch vor. Für mich war völlig klar, dass der Altmeister der deutschen Rechtschreibung, entweder „das Kind das Lesen gelehrt“ oder „dem Kind das Lesen beigebracht“ haben musste, wenn es denn tatsächlich so gewesen sein sollte. „Lehren ziehen leicht gemacht“ weiterlesen

Koste es, was es wolle!

„Das kostet mich ein müdes Lächeln!“ Diesen Satz hat wohl jeder schon einmal gehört oder selbst gesagt, und daran gibt es auch nichts zu deuteln. Auch ich habe ihn noch nie anders gehört, doch das ist beileibe nicht selbstverständlich. Vielleicht liegt es daran, dass sich diese Redewendung sozusagen als idiomatische ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat.

Eine bekannte und sehr empfehlenswerte Buchreihe mit Sprachtipps heißt „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“. Dieselbe „Gefährdungslage“ kann man in diesem Fall jedoch auch für den Akkusativ konstatieren. So höre ich immer wieder Sätze wie „Das kostet dir doch nichts!“ Die gängigen Medien bilden dabei keine Ausnahme.

 Zu meinem großen Erstaunen musste ich nun feststellen, dass diese Variante sogar Duden-konform ist. Dabei ist allerdings zu beachten, dass der Duden inzwischen wesentlich eher eine deskriptive als eine präskriptive Funktion hat. Er beschreibt den aktuellen Zustand der Sprache, ohne Varianten, die sich „eingebürgert haben“, in Bausch und Bogen zu verdammen. Allerdings ist dieser Dativ nichts Neues, sondern stand auch schon vor mehr als 80 Jahren im damals aktuellen Duden. „Koste es, was es wolle!“ weiterlesen