Personalunion – ja oder nein?

In einem der vorigen Beiträge habe ich schon einmal die Frage gestellt: „Singular oder Plural?“ Dabei ging es unter anderem um Attribute, die, je nachdem, ob ihnen ein Artikel vorangestellt wurde oder nicht, gemeinsame oder unterscheidende Eigenschaften bezeichnen. Der Gebrauch von Artikeln bereitet Nichtmuttersprachlern des Deutschen immer wieder Schwierigkeiten. Deshalb werde ich das Problem nach und nach aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten, und weil wir schon bei der Frage nach Ein- oder Mehrzahl waren, soll es damit auch gleich weitergehen.

Neulich fragte mich eine Freundin meiner Mutter: „Wie geht es denn deiner Mutter und meiner Freundin?“, und, da die Possessivpronomina semantisch den bestimmten Artikel mitbeinhalten, war mein erster Impuls zu überlegen, warum sie sich nach zwei unterschiedlichen Personen erkundigt, bis ich begriff, dass sie eigentlich meinte: „Wie geht es denn deiner Mutter, meiner Freundin?“ „Personalunion – ja oder nein?“ weiterlesen

Im Namen des Vaters

Zugegeben, diese Überschrift mag etwas ketzerisch klingen, wenn man bedenkt, welche sprachliche Erscheinung sich dahinter verbirgt. Allerdings muss ich Muttersprachlern des Deutschen immer wieder erklären, was ein Vatersname überhaupt ist und dass es sich dabei weder um den Geburtsnamen der jeweiligen Person im Sinne des deutschen Namensrechts noch (wie Polizei und Gerichte gern vermuten) um eine „Alias-Identität“ handelt. Auch in Übersetzungen sehe ich häufig, dass die Übertragung dieses Phänomens Schwierigkeiten bereitet, und deshalb soll es hier nicht unerwähnt bleiben.

Natürlich kennt nicht nur das Russische den Vatersnamen, er kommt ebenso in anderen slawischen Sprachen und vielen weiteren Sprachfamilien vor. Im Deutschen findet man zwar noch Familiennamen, die sich auf Vatersnamen zurückführen lassen, jedoch sind diese in ihrer ursprünglichen Form heute nicht mehr gebräuchlich und daher weitgehend in Vergessenheit geraten. Das ist wohl auch der Grund für die ständigen Irritationen bei der Übertragung. So habe ich schon Varianten gesehen wie „Michail v. Juri Lermontow“, die im Deutschen gänzlich in die Irre führen und keinesfalls zu tolerieren sind. „Im Namen des Vaters“ weiterlesen

Meine, deine, unsere

Zugegeben, der Kalauer über Patchwork-Familien „Liebling, komm schnell, meine Kinder und deine Kinder verhauen unsere Kinder!“ ist vielleicht weder originell noch politisch korrekt. Doch er verdeutlicht meiner Meinung nach besonders anschaulich, dass Possessivpronomen in Verbindung mit Verwandtschaftsbezeichnungen keineswegs überflüssig sind.

Im Deutschen gilt das nicht nur für Verwandte, deren man mehrere haben kann, wie Kinder, sondern auch für die exklusiven Vertreter der Spezies: Vater und Mutter. Diese Bezeichnungen werden, wenn man von den eigenen Eltern spricht, ebenfalls mit „mein“ oder „unser“ verwendet, auch wenn sich die Zugehörigkeit aus dem Kontext eindeutig ergibt. Natürlich findet man in der Literatur auch in diesem Zusammenhang den Gebrauch des bestimmten Artikels, etwa wenn Rotkäppchen sagt: „Ich besuche die Großmutter!“ Diese Form ist heute jedoch nicht mehr sehr verbreitet; Rotkäppchen würde inzwischen wohl sagen: „Ich gehe zu meiner Oma.“

Heute deutet der Gebrauch des bestimmten Artikels auf ein eher distanziertes Verhältnis und darauf hin, dass nicht ein Verwandter des Sprechenden gemeint ist, sondern der Erzähler über eine familiäre Situation berichtet, wie – um wieder ein Märchen zu zitieren – in „Hänsel und Gretel“: „Als sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater …“ „Meine, deine, unsere“ weiterlesen

Immer schön der Reihe nach

Wie haben wir uns im Übersetzungsunterricht mit den verschiedenen Arten russischer Partizipien gequält! Brauchen wir für den konkreten Fall nun ein Partizip Präsens Aktiv oder doch ein Partizip Präteritum Passiv? Was immer es war, im Deutschen ließen sich diese russischen Konstruktionen meist nur durch Umschreibungen als Attribute oder ganze Nebensätze auflösen. Noch verzwickter aber waren die Adverbialpartizipien, denn hier gibt es die Kategorien der Gleichzeitigkeit und der Vorzeitigkeit, über die man meist noch einen Augenblick länger nachdenken muss.

Während es bei der Gleichzeitigkeit erprobte Übersetzungsverfahren gibt, um Sätze wie:

„Он ждал ее, читая книжку.“ zu übersetzen („Er wartete auf sie und las dabei ein Buch.“, „Während er auf sie wartete, las er ein Buch.“),

gibt es bei der Vorzeitigkeit (wie zum Beispiel in dem Satz „Прочитав книгу, я отложил ее в сторону.“) einiges mehr zu beachten. „Immer schön der Reihe nach“ weiterlesen

Wohin mit dem Ort?

SPO – Wer irgendwann einmal Englisch gelernt hat, wird diese Buchstabenkombination wohl nie wieder vergessen. Immerhin steht sie für einen der Grundpfeiler der englischen Sprache: die Wortfolge innerhalb eines Aussagesatzes. Sie ist es auch, die Nichtmuttersprachlern immer wieder Probleme bereitet, denn immer noch hält sich hartnäckig die Meinung, dass das im Deutschen alles viel einfacher, weil freier, sei. Natürlich, bei uns gibt es die strikte Reihenfolge Subjekt – Prädikat – Objekt nicht, aber einige Regeln müssen dennoch beachtet werden. Dass das Verb im einfachen Hauptsatz an zweiter und im Nebensatz an letzter Stelle steht, ist eine Binsenweisheit, andere Satzglieder aber machen immer wieder Schwierigkeiten, gerade bei der Übertragung aus anderen Sprachen.

So ist es im Russischen völlig normal, eine Adverbialbestimmung des Ortes direkt an das Attribut anzuschließen, auf das sie sich bezieht. Das sicher bekannteste Beispiel für eine solche Konstruktion stammt aus dem Lied der Trickfilmfigur Tscheburaschka, der über seinen Freund Gena singt: „Wohin mit dem Ort?“ weiterlesen

Doppelt hält nicht immer besser

Wer kennt sie nicht, die berühmten Doppelbezeichnungen für Personen, als deren Standardbeispiel im Russischunterricht immer Walentina Tereschkowa herhalten musste: „женщина-космонавт“?! Doch auch im nichtkosmischen Sprachgebrauch begegnet man ihnen immer wieder, sei es nun der инженер-строитель oder, wie es in historischen Texten häufig vorkommt, die „немцы-спецпоселенцы“.

So verlockend es sein mag, diese Formen einfach auch im Deutschen zu übernehmen, so wenig empfehlenswert ist eine solche Vorgehensweise, da Konstruktionen dieser Art im Deutschen völlig unüblich sind. Wozu auch? Hier gibt es schließlich zusammengesetzte Substantive wie den berühmten „Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän“, um ein bekanntes Wortungetüm zu zitieren.

Natürlich gibt es auch im Deutschen die Notwendigkeit, genau das zu verdeutlichen, was mit den russischen Doppelformen ausgedrückt werden soll, und deshalb gibt es auch sprachliche Mittel dafür. Nur unterscheiden sich diese von den russischen so stark, dass man im Deutschen an den Doppelformen sofort den Nichtmuttersprachler erkennt.

Die deutschen Varianten lassen sich im Wesentlichen in drei große Gruppen einteilen. „Doppelt hält nicht immer besser“ weiterlesen

Fragen über Fragen

Wenn nicht schon bei der Vorbereitung von Schulaufsätzen, so doch spätestens bei Autorenseminaren oder einem Journalismus- oder Germanistikstudium: Früher oder später wird jeder, der schreibt, mit den sogenannten W-Fragen konfrontiert, die die Grundlage jedes Berichts oder auch einer Erzählung bilden:

Was? Wer? Wo? Wann? Wie? Warum?

Diese Fragewörter sind jedem geläufig, und wenn man ein wenig länger darüber nachdenkt, fallen einem bestimmt auch noch andere Interrogativpronomina ein, die mit einem W beginnen:

Wohin? Weshalb? Wie lange? Wessen?

Doch es gibt auch Fragewörter, die nach und nach in Vergessenheit zu geraten scheinen, weil sie vom Strom der umgangssprachlichen Synonyme geradezu überrollt werden. So findet man das schöne „Weswegen?“ beispielsweise nur noch selten, weil sich der Gebrauch der Präposition „wegen“ mit dem Dativ immer stärker durchsetzt und daher kein logischer Rückschluss auf ein von „wessen“ (das den Genitiv verlangt) abgeleitetes Fragewort möglich ist.

Damit sind wir auch schon beim Kern dieses Beitrags: den Frageworten, die im Zusammenhang mit einer Präposition auftreten.

Immer häufiger liest man – leider auch in ansonsten seriösen Quellen – Formulierungen wie „von wo“, „mit was“ oder „durch was“. Diese Verbindungen sind jedoch ebenfalls rein umgangssprachlich und keinesfalls schriftlich zu verwenden. Hier ist in jedem Fall einem mit „wo-“ zusammengesetzten Fragewort (oder auch Relativpronomen in zusammengesetzten Sätzen) der Vorrang zu geben: „woher“, „womit“, „wodurch“.

Dies alles hat übrigens nichts damit zu tun, dass in einigen deutschen Dialekten „wo“ allein grundsätzlich gern als Relativpronomen verwendet wird. Diese Varianten sind nach wie vor rein dialektal und für die Schriftsprache nicht zu gebrauchen.

Deshalb mein Rat: Überprüfen Sie, ehe Sie ein Frage- oder Relativpronomen verwenden, das aus zwei Wörtern, einer Präposition und einem einfachen Fragewort besteht, erst, ob sich nicht ein zusammengesetztes Wort mit „wo-“ dafür finden lässt. Es ist in jedem Fall die bessere Wahl!

Carola Jürchott

www.lust-auf-geschichten.de

Es ist alles relativ …

„Das ist das schönste Buch, was ich gelesen habe.“

Diesen oder einen ähnlich formulierten Satz haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, sicher auch schon des Öfteren gehört oder – schlimmer noch – gelesen. Sie fragen sich, was daran falsch sein könnte? Eigentlich nichts – wenn mit diesem Satz gemeint ist, dass jemand gelesen hat, dass dies das schönste Buch sei. Möchte man aber ausdrücken, dass dieses eine Buch das schönste ist, müsste es korrekt heißen:

„Das ist das schönste Buch, das ich gelesen habe.“

Beim zweiten Satzteil handelt es sich nämlich um einen Relativsatz, der sich entweder auf die Aussage des gesamten ersten Teils beziehen kann (dann wäre „was“ richtig) oder auf das Buch und damit das letzte sächliche Substantiv vor dem Komma (dann sollte dort unbedingt „das“ stehen).

Ich gebe zu, dass diese Unterscheidung schon relativ spitzfindig ist, denn auch in Texten von Menschen, die nie eine andere Sprache als Deutsch gesprochen oder geschrieben haben, ist der Gebrauch der beiden Relativpronomina häufig sehr verschwommen. Meist macht man sich selbst gar nicht klar, dass zwischen ihnen überhaupt ein semantischer Unterschied besteht. Deutlicher wird es vielleicht noch im folgenden Beispiel: „Es ist alles relativ …“ weiterlesen

Das reinste Hin und Her

„Geh’n wir mal rüber, geh’n wir mal rüber, geh’n wir mal rüber zum Schmied seiner Frau …“

Dafür, dass solche überlieferten Texte nicht immer als Beispiel für grammatisch richtige Formulierungen dienen können oder sollten, ist dieses Volkslied der beste Beleg. Abgesehen von dem mehr als fragwürdigen und wirklich nur im Dialekt erlaubten Genitiv, tritt hier noch ein anderes Problem zutage, mit dem ich bei meinen Korrekturarbeiten immer wieder zu tun habe.

Streng genommen, müsste man nämlich singen: „Geh’n wir mal ’nüber…“, denn hier geht es wieder einmal um den Standpunkt dessen, der diese Äußerung tätigt.

In diesem Fall ist damit der Standpunkt in seinem absolut buchstäblichen Sinn gemeint. Verläuft nämlich die mit dem jeweiligen Verb bezeichnete Handlung (wobei es egal ist, ob es sich um ein Bewegungsverb oder ein anderes – wie zum Beispiel „schauen“ – handelt) vom Redner weg zu einem anderen Punkt, ist die richtige Form immer die Variante mit „hin-“: „hinüber“, „hinunter“, „hinein“. Der Beispielsatz, der das am besten verdeutlicht, ist: „Ich gehe dorthin.“ „Das reinste Hin und Her“ weiterlesen

Gleich und gleich gesellt sich gern …

„Wenn zwei das Gleiche sagen, ist es noch lange nicht dasselbe.“

Mit diesen beiden Sprichwörtern bin ich großgeworden, und während es für das erste durchaus auch Entsprechungen in anderen Sprachen gibt (z. B. „Рыбак рыбака видит издалека.“), dürfte eine Entsprechung für das zweite wesentlich schwerer zu finden sein. Hier wird nämlich mit einer Besonderheit des Deutschen gespielt, die auch Muttersprachlern häufig Schwierigkeiten bereitet – meist, ohne dass sie sich dessen selbst bewusst sind.

Es geht um den Unterschied zwischen „dasselbe“ und „das Gleiche“. Selbst wenn wir die unterschiedliche Rechtschreibung an dieser Stelle einmal außer Acht lassen, gibt es doch einen auf den ersten Blick kleinen, aber dennoch feinen Unterschied: Während „dasselbe“ immer das eine konkrete Substantiv (sei es nun ein Gegenstand, eine Person oder ein Ort) bezeichnet, ist mit dem „Gleichen“ etwas Gleichartiges gemeint. „Gleich und gleich gesellt sich gern …“ weiterlesen